F. W. Krummacher: Der Weg des Heils

Eine Predigt von Friedrich-Wilhelm Krummacher über die Gnade der Offenbarung Gottes und der Zuversicht des Evangeliums.

Ein kurzer Auszug:

Siehe, ein Gottesstuhl taucht vor uns auf, nicht mehr in eitel Feuerflammen brennend, sondern vom Regenbogenglanz des Friedens überbreitet; mit Blut genetzt zwar seine Veste, aber nicht zum Wahrzeichen mehr eines drohenden Gerichts. An seinen Stufen, statt des alten: „Verflucht ist Jedermann, der nicht bleibt in Allem, das geschrieben steht im Buche des Gesetzes, dass er es tue,“ jetzt die süße Inschrift: „Selig sind, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden!“ Zu seiner Seite, statt des Schwertes und der richterlichen Waage, jetzt der Palmzweig und die weiße Flagge der Versöhnung. Kein Cherub mehr, der den Zugang bewache; freie Gasse jetzt, auch für den Schächer, auch für den Zöllner. Keine Schranke mehr, wie dort am Sinai, mit der Aufschrift: Fern, ihr Profanen! Eine offene Pforte jetzt, und drüber die Ladung: „Kommet her Mühselige und Beladene, und lasst euch erquicken!“

„Lasset uns, ruft der Apostel, mit Freudigkeit hinzutreten zu dem Gnadenthron!“ O, ich denke, Brüder, wir ergreifen des Apostels Hand, und rufen wie aus einem Munde: „Ja, ja, wir gehen mit dir!“ O wie viele Tausende haben vor diesem Thron schon ihre Knie gebeugt; wie viele Millionen sind aller ihrer Lasten für Zeit und Ewigkeit hier los und ledig worden. Und nicht Zöllner und arme Schächer drückten hier ihr Antlitz selig weinend in den Staub. Große Dichter legten hier ihre Harfen nieder, und wollten hinfort das Lied des Lammes nur singen. Weltberühmte Philosophen brachten ihre Lehrsysteme hierher, und übergaben sie den Opferflammen, freudig bekennend, dass die einzig wahre und Frieden bringende Philosophie in Christo ruhe. Gepriesene Gelehrte haben hier ihrem Gott gedankt, wieder zu Kindern geworden zu sein, um solcher Seligkeit mit teilhaftig zu werden. Lorbeergeschmückte Helden und Gewaltige der Erde haben hier ihre Kränze, Kronen und Diademe hingeworfen, und huldigend ausgerufen: „Du, du allein bist würdig! Anbetung dir und Preis und ewige Ehre!“

Gar Manches in der Schrift will uns als Torheit erscheinen, bis wir vom heiligen Bedürfnis nach der Gemeinschaft Gottes getrieben der Schrift uns nahen. Dann entdecken wir sofort, wo wir vorher nur Anstoß und Wirrwarr gewahrten, die heiligste und tiefste Gottesweisheit.  „Also zuerst doch“, sagt ihr, „ein vertrauensvolles Hingeben an das Wort der Schrift?“ Ja Brüder, so beginnt der Weg des Lichtes und des Heils. Zuerst ein aus der Not des nach Gnade durstenden Herzens geborenes Sich-Hinwerfen auf das ewige Evangelium, weil jeder andere Boden unter unsren Füßen wankte; zuerst ein passives Ergriffenwerden von Jesu Christo: denn eine göttliche Tat macht und begründet den Anfang unseres Gnadenstandes; aber dann ist das Ergreifen an uns, und wir ergreifen Christum, und dringen tiefer und tiefer in die Hallen der ewigen Wahrheit ein, und finden nun, wie darin Alles im höchsten Sinne des Wortes so überaus vernünftig ist. Und während die Welt nun von uns sagt: „die Menschen haben aufgehört zu denken,“ haben wir erst recht zu denken angefangen, nachdenkend, nachdem uns das Vordenken nicht zum Ziele brachte. Und o welch’ eine unübersehbare Welt der tiefsten Gottesgedanken hat eben jetzt erst unserer Reflexion sich aufgetan, zumal wenn wir sie mit dem Gebiet seichter und haltloser Überlegung vergleichen, auf dem wir uns bisher herumgetrieben

Wisset aber, nur in Christo wird man des lebendigen Gottes als des seinigen sich bewusst; außer Ihm, in dem der Ewige uns fasslich und in Gnaden nahetrat, hat man keinen Gott, geschweige denn Vater. Nur in Christo verstehen und erfassen wir Gottes Herz; fern von Ihm, dem großen Mittler, bleibt uns statt Gottes ein toter Gedanke nur, ein leerer Name. Nur in Christo neigt uns der Allmächtige sein Friedenszepter zu; in der Abgeschiedenheit von Ihm, der uns priesterlich vertritt, bleiben wir Knechte, die ihr Leben lang in Furcht des Todes ihre Straße ziehen. Nur in Christo erschließt sich uns die himmlische Welt, über deren Bildern das Verwelken der Erdenkränze zu verschmerzen o, so leicht ist; außer seiner, des Himmelsfürsten, beseligender Gemeinschaft bleiben wir an der Scholle gekettet, und mit dem luftigen Bau unserer zeitlichen Herrlichkeit stürzt unser Himmel ein, um ach! hinfort der Hölle für ihre Ansprüche auf unser Leben Raum zu machen. Weil dem aber also ist, so rufe ich noch einmal, teure Freunde, hinein in eure Mitte so zärtlich, wie die innigste Liebe es nur rufen kann, so bittend, wie einem Botschafter an Christ Stelle es ziemt, so allgemein und freudig, wie es durch den großen Hohenpriester geöffnete Bahn gestattet, so dringend, wie es der sehnliche Wunsch erheischt, der mein ganzes Herz erfüllt, der Wunsch, wir möchten uns heute nicht zum letzten Male so vor dem Herrn vereint gesehen haben, sondern einst in jenem schönen Tempel, wo das ewige Halleluja dem erwürgten Lamm gesungen wird, uns alle, alle wiederum zusammen finden; – so, sag ich, ruf ich noch einmal, und ach, dass der Herr den Ruf mit seinem lebendig machenden Odem begleiten, und mit glücklichstem Erfolge krönen wollte: „Lasset uns hinzugehen mit Freudigkeit zum Gnadenthron, auf dass wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden auf die Zeit, wenn uns wird Hilfe not sein!“ Amen.

Die ganze Predigt:

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F. W. Krummacher: Die Wurzel Isai

„Es gebet Sein Lob.“ singt der Sänger des 148sten Psalms, „soweit Himmel und Erde reichen!“ – Die Welt ist ein Denkmal der Schöpferkraft, der Vatergüte und der Ordnerweisheit des allmächtigen Gottes. – Ja, sie preist mit dem Vater zugleich den Sohn. Neben den Zügen der „hochwürdigen Herrlichkeit“ des Ersteren entdeckt das erleuchtete Auge auf jenem lebendigen Monument das Bild des „Schönsten der Menschenkinder.“ Die ganze Natur ist eine Bilderkammer zur Verherrlichung Christi. Schaut die heilige Liebe in sie hinein, so scheint ihr Alles nur dazu geschaffen, um von ihrem Bräutigam, dem „Herrn vom Himmel,“ und Seiner Lieblichkeit zu zeugen. Die Sonne am Gezelt, der Stern am Abendhimmel, der Quell, der dem Fels entrauscht, der grünende Baum des Feldes, der fruchtbeladene Weinstock, ja Alles, Alles singt ihr Sein Lob und spiegelt ihr bald diese, bald jene Seite Seines holdseligen Wesens oder des zarten Verhältnisses wieder, in welchem Er zu Seinem Erlösten steht. – Und es sind nicht luftige Phantasien und eitle Träume, denen hier die Liebe nachhängt. Die Schrift bestätigt ihre Anschauung als eine wahre. – Sie selbst, so oft sie uns den Fürsten des Lebens vor Augen zeichnen will, beutet den Bildersaal der Schöpfung aus und entlehnt aus ihrem Reiche die Farben und Züge zu ihrem entzückenden Gemälde. Bald rührt sie diese, bald jene Taste in der Klaviatur der geschaffenen Dinge an, und in den sinnigsten und herzerquicklichsten Akkorden tönt die Natur den Preis Immanuels und Seiner Gnaden.

Jesaja 11, 10.
Und es wird geschehen an jenem Tag, da werden die Heidenvölker fragen nach dem Wurzelspross Isais, der als Banner für die Völker dasteht; und seine Ruhestätte wird Herrlichkeit sein.

Unser heutiger Text ist so reichhaltig, dass wir uns mit flüchtigen Andeutungen begnügen müssen, wenn wir in einer Stunde seine verborgenen Schätze auch nur einigermaßen zu Tage fördern wollen. Von wem in dem Ausspruche die Rede ist, ergibt sich auf den ersten Blick von selbst. Jesus Christus ist der Kern und Stern, wie unsers ganzen Textkapitels, so des einzelnen Sprüchleins, das wir daraus hervorgehoben haben, und in welchem er gleichsam wie ein Edelstein vor unseren Augen hin und her gewendet wird, damit er alle seine Lichter uns leuchten lasse. Und wer mag sagen, welches dieser Lichter das schönste sei, und welches am tröstlichsten und holdseligsten strahle.

Um in der köstlichen Weissagung nichts zu übersehen, schließen wir uns mit unseren Erwägungen streng an die Worte des heiligen Propheten an und richten unsere Blicke

  1. auf die Zeit, in welche er hineinschaut;
  2. auf die Wurzel, die er preist;
  3. auf das Panier, das er wehen sieht;
  4. auf die Fragenden bei dem Panier;
  5. auf die Ruhe des verheißenen Messias.

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