Jonathan Edwards: Sünder in den Händen eines zornigen Gottes

Kurzbiographie:

Jonathan Edwards (1703-1758) ist einer der einflußreichsten Theologen Amerikas und eine wichtige Person der Erweckungsbewegung des „First Great Awakening“ (1740-1760). Der Puritaner hielt wie die anderen auch an die Reformierte Theologie. Er kam zu der Erkenntnis eines absolut souveränen Gottes nachdem er als 18-Jähriger über 1. Timotheus 1:17 nachsinnte, dies spiegelt sich auch in seinen Predigten und Büchern wieder. Seine bekannteste Predigt bzw. die bedeutenste Predigt auf amerikanischen Boden „Sünder in den Händen eines Zornigen Gottes“ wurde 1741 in Enfield abgehalten.

Seine Technik beim vortragen der Predigten war sehr unspektakulär, er laß sie in einem gleichmäsigen aber überzeugten Ton vor und mied dabei zu schreien oder sonstige theatralische handlungen.


Die ganze Predigt gibt es hier.

„Mein ist die Rache und die Vergeltung für die Zeit, da ihr Fuß wanken wird; denn nahe ist der Tag ihres Verderbens, und was ihnen bevorsteht, eilt herbei.“
5. Mose 32,35

Nichts kann die unbekehrten Menschen in irgendeinem Augenblick vor der Hölle bewahren als allein der Wille Gottes. Damit meine ich jenen souveränen, erhabenen Willen, der durch keine Verpflichtung und durch keine Schwierigkeiten, überhaupt durch nichts gehindert oder zurückgehalten wird als durch sich selbst; nichts anderes ist nur im geringsten und in jeder Hinsicht an der Bewahrung der Unbekehrten in einem bestimmten Augenblick beteiligt. Die Wahrheit dieser Behauptungen wird sich auf Grund der folgenden Überlegungen erweisen:

1. Es fehlt Gott nicht an der Macht, die unbekehrten Menschen in einem beliebigen Moment in die Hölle zu stoßen. Die Kraft der Menschenhände ist dahin, wenn sich Gott erhebt. Die stärksten Menschen können ihm nicht widerstehen, und niemand kann aus seiner Hand befreien. Gott kann nicht nur die unbekehrten Menschen in die Hölle stürzen; es fällt ihm das dazu noch sehr leicht. Manchmal hat ein Fürst dieser Erde die größte Schwierigkeit, einen Aufrührer zu unterwerfen, wenn es diesem gelungen ist, sich mit einem großem Anhang und damit mit einer gewissen Macht in einer Festung zu halten. Anders bei Gott – keine Festung bietet den geringsten Schutz gegen Seine Macht. Mögen sich die Feinde Gottes die Hände reichen, mögen sie sich in großer Zahl verbünden und einander beistehen – sie werden im Nu zu Scherben zerbrochen. Sie gleichen einem Haufen leichter Spreu vor einem Wirbelwind oder einer Menge dürrer Stoppeln vor einem verzehrenden Feuer. Es erscheint uns leicht, einen Wurm zu zertreten, der am Boden dahin kriecht, oder einen Faden zu durchschneiden oder entzwei zu brennen, an welchem etwas aufgehängt ist; ebenso leicht fällt es Gott, seine Feinde in die Hölle zu werfen, wenn es ihm beliebt. Wer sind wir denn eigentlich, dass wir glauben, wir könnten vor Ihm stehen, vor dessen Schelten die Erde erzittert, vor dem die Felsen fallen?

2. Die Gottlosen verdienen es auch, in die Hölle geworfen zu werden; die Gerechtigkeit Gottes steht dem keineswegs im Wege; sie erhebt durchaus keinen Einspruch, wenn Gott seine Macht gebraucht, um Sünder in irgendeinem Augenblick zu verderben. Im Gegenteil: Die Gerechtigkeit ruft laut nach einer schonungslosen Bestrafung ihrer Sünden Die göttliche Gerechtigkeit sagt von dem Baum, der Früchte wie diejenigen Sodoms hervorbringt:„Haue ihn ab! Warum hindert er das Land?“ (Lk 13,7) Das Schwert der göttlichen Gerechtigkeit wird jeden Moment über ihren Häuptern geschwungen, und nur Gottes souveräne Gnade und sein erhabener Wille halten es noch vor dem vernichtenden Schlag zurück.

3. Das Gerichtsurteil, die Verdammnis zur Hölle, ist schon gefällt. Die Sünder haben es nicht nur verdient, dorthin zu gelangen; gegen sie steht der Rechtsspruch im Gesetz Gottes, jene ewige und unumstößliche Rechtsordnung, die Gott zwischen sich und der Menschheit aufgestellt hat; schon deshalb sind die Sünder jetzt schon für die Hölle bestimmt. Joh 3,18: „Wer nicht glaubt, der ist schon verdammt.“ Demnach gehört jeder unbekehrte Mensch jetzt schon der Hölle; dort ist sein Platz; von dorther stammt er ja. Joh 8,23: „Ihr seid von unten!“ Und dorthin ist er schon unterwegs nach dem Ort, den die Gerechtigkeit, das Wort Gottes und das Urteil eines unveränderlichen Gesetzes ihm zuweisen.

4. Auf den Unbekehrten lastet jetzt schon derselbe Zorn Gottes, der sich dereinst in den Höllenqualen auswirken wird. Wenn sie nicht im nächsten Moment zur Hölle fahren, so liegt es nicht daran, dass Gott, in dessen Macht sie ja fortwährend stehen, nicht jetzt schon gegen sie erzürnt wäre – ebenso sehr wie gegen so viele unglückliche Geschöpfe, die jetzt in der Hölle gequält werden und dort den grimmigen Zorn Gottes erfahren und tragen müssen. Ja, Gott zürnt den vielen noch mehr, die jetzt noch auf der Erde sind, ohne Zweifel sogar etlichen, die jetzt vielleicht diese Predigt lesen und sich dennoch behaglich fühlen. Wenn Gott Seine Hand noch zurückhält und sie noch nicht dahinrafft, so liegt es nicht daran, dass Er nicht an ihre Gottlosigkeit dächte und sich nicht darüber entrüsten würde. Gott ist kein Wesen wie sie selbst, obschon sie sich vielleicht einbilden, er sei es. Gottes Zorn ist gegen sie entbrannt; ihre Verdammnis schlummert nicht. Der Abgrund ist zu ihrem Empfang bereit; das Feuer brennt schon und der Ofen ist glühend heiß; die Flammen wüten. Das glitzernde Schwert ist geschliffen und gezückt und der Abgrund unter ihnen sperrt sein Maul weit auf.

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Zitate der Puritaner

John Bunyan:

  • Der Mann, welcher der Welt zuliebe Religion annimmt, wird sie wiederum für die Welt aufgeben.
  • Gebet ist ein bewusstes, inniges und liebevolles Ausgießen der Seele zu Gott, durch Christus, mit der Kraft und Unterstützung des Heiligen Geistes, für die Dinge, die Gott versprochen hat.
  • Wenn du betest, dann lass dein Herz lieber ohne Worte sein, als deine Worte ohne Herz.

Steven Charnock:

  • Oftmals lernen wir mehr über Gott unter einer Rute, die uns schlägt, als unter einem Stab, der uns beruhigt.
  • Wenn wir im Sinn haben, uns selbst lieber zu beglücken, als Gott geehrt zu sehen, dann erniedrigen wir Gott. Als würde Gott seine Ehre unter unser Vergnügen setzen; wenn wir so handeln, dann verherrlichen wir uns selbst, und erhöhen uns über Gott. Dann wäre es so, als wäre Gott für uns geschaffen und nicht wir für Ihn. Wer so glaubt, der würdigt die Majestät Gottes nicht.

Thomas Goodwin:

  • Oh, verachte die Auserwählung nicht! In ihr liegt die einzige Hoffnung, dass ein Mensch unfehlbar gerettet ist.
  • Ehre Gott und seine Liebe mehr als alles in der Welt, denn obwohl es Millionen  gibt, hat er dich vor Anbeginn der Zeit wertgeschätzt. Er hat dich nicht nur ewiglich geliebt (wobei deine Liebe erst seit gestern ist), er dich vor allen Welten schon geliebt und das obwohl du die Welt zuvor Liebtest.

John Owen:

  • Der Mensch der leichtfertig mit Sünde umgeht, hat noch nie groß von Gott gedacht.
  • Hätten wir keinen absoluten Maßstab, welcher von Gott offenbart wurde, dann wären wir ohne ein Ruder, in einem Meer, mit unstimmigen Ideen über „Manieren“, „Gerechtigkeit, „richtig und falsch“, ausgehend von eigensinnigen und rechthaberischen Menschen.
  • Das Fundament wahrer Heiligkeit und wahrer  Anbetung ist die Lehre des Evangeliums. Wenn aber die christliche Lehre beiseite-gestellt, verlassen oder verunreinigt wird, dann legen wir wahre Anbetung und Heiligkeit beiseite und verunreinigen sie.
  • Sünde peilt immer das Abscheulichste an. Wann immer sie versucht jemanden zu verführen oder zu locken; und würde sich dabei durchsetzen können, dann würde sie eine unermessliche Gestalt gewinnen. Jeder unreine Gedanke oder Blick wäre Ehebruch, jeder Zweifel an Gott wäre Atheismus – hätte er die Erlaubnis sich zu entfalten. Es ist wie ein Grab welches nie genug bekommt. Die Arglist der Sünde offenbart sich darin, dass sie anfangs bescheidene Angebote macht, doch sobald sie  Raum gewinnt, dann verhärtet sie unsere Herzen.

Thomas Adams:

  • Kein Mensch liebt Gott mehr als er „Angst“ hat, ihn zu beschämen.
  • Der Mensch der stolz auf ein Wissen ist, geht in die falsche Richtung.
  • Unsere Gedanken bei unserem Vergnügen,
    unser Herz, wo unser Schatz ist,
    unsere Liebe, wo unser Leben ist,
    aber all diese Dinge: Vergnügen, Schätze und unser Leben – ruhen in Jesus Christus.

Thomas Watson:

  • Es ist absurd zu glauben, dass irgendetwas in uns den kleinsten Einfluss auf die Erwählung haben könnte. Manche Menschen sagen, „Gott hat die Menschen vorhergesehen, welche glauben würden, daher hat Er sie erwählt“; somit ruht die Errettung auf etwas in UNS. Wobei Gott uns nicht wegen dem Glauben auswählt, sondern zum Glauben. Er hat uns ausgewählt um uns zu heiligen und nicht weil wir heilig gewesen wären. Wir wurden zur Kühnheit gewählt, nicht wegen ihr.
  • Welch Toren sind die, die wegen eines Tropfens an vergnügen – einen See des Zorns trinken.
  • Gott hat uns zwei Ohren und nur eine Zunge gegeben, damit wir schnell zum Hören sind, und langsam zum Reden. Gott hat außerdem einen doppelten Zaun vor die Zunge gestellt, die Zähne und Lippen, um uns zu lehren, dass wir behutsam mit ihr umgehen, damit wir nicht mit unserer Zunge in Sünde fallen.

Übersetzung: TheologiaDE.blog

Martin Luther: Vorrede zum Römerbrief

Diese Epistel ist das eigentliche Hauptstück des Neuen Testaments und das allerlauterste Evangelium. Sie ist es wohl würdig und wert, daß sie ein Christenmensch nicht nur von Wort zu Wort auswendig wisse, sondern daß er auch täglich damit als mit täglichem Brot der Seele umgehe. Denn sie kann nimmer zu viel und zu gründlich gelesen oder betrachtet werden. Je mehr sie behandelt wird, um so köstlicher wird sie und schmeckt sie. Darum will ich auch meinen Dienst dazu tun und will durch diese Vorrede, so viel mir Gott verliehen hat, eine Einleitung dazu geben, damit sie von jedermann umso besser verstanden werde. Denn sie ist bisher mit Deutungen und mancherlei Geschwätz böse verfinstert worden, während sie doch an sich ein helles Licht ist und vollkommen genügt, um die ganze Schrift zu erleuchten.
Zuerst nun müssen wir der Sprache kundig werden und wissen, was St. Paulus mit den Worten: Gesetz, Sünde, Gnade, Glaube, Gerechtigkeit, Fleisch u. dergleichen meint. Sonst nützt kein Lesen darin.

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Das Wort wurde Fleisch

Das Bekenntnis von Ligonier zum Thema Christologie (Theologische Lehre von Christus) in Deutsch:

Wir bekennen das Geheimnis und das Wunder,
dass Gott Fleisch wurde
und freuen uns über unser großes Heil
durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Mit dem Vater und dem Heiligen Geist
schuf der Sohn alle Dinge,
erhält er alle Dinge,
und macht alle Dinge neu.
Er ist wahrer Gott
und wurde ein wahrer Mensch,
zwei Naturen in einer Person.

Er wurde von der Jungfrau Maria geboren
und lebte unter uns.
Gekreuzigt, gestorben und begraben,
stand er am dritten Tag vom Tod auf,
fuhr in den Himmel auf
und wird wiederkommen
in Herrlichkeit und zum Gericht.

Für uns
hielt er das Gesetz,
sühnte für die Sünde
und besänftigte Gottes Zorn.
Er nahm unsere schmutzigen Kleider
und gab uns
das Gewand seiner Gerechtigkeit.

Er ist unser Prophet, Priester und König,
er baut seine Gemeinde,
er tritt für uns ein
und herrscht über alle Dinge.

Jesus Christus ist Herr;
wir preisen seinen heiligen Namen für immer.

Amen.

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Johannes Calvin; Die Gottheit des „Wortes“ und Die Gottheit Christi erweist sich in seinen Werken

Die Gottheit des „Wortes“

Wenn nun die Schrift vom „Worte“ Gottes redet, so wäre das gewiß ganz widersinnig, wenn dieses „Wort“ bloß ein flüchtiger, leerer Laut wäre, der in die Luft ausgesandt würde und nun außer Gott selber seinen Lauf nähme. Von dieser Art waren die Offenbarungssprüche, die den Vätern zuteil wurden, und alle Prophetien. Nein, das „Wort“ bezeichnet die Weisheit, die bei Gott wohnt und aus der alle Offenbarungssprüche und Prophetien stammen. Denn nach dem Zeugnis des Petrus (1. Petr. 1,11) haben die alten Propheten nicht weniger aus dem Geiste Christi heraus geredet als die Apostel und diejenigen, die nach ihnen die himm­lische Lehre verwalteten. Da aber dazumal Christus noch gar nicht ans Licht getreten war, so ergibt sich notwendig, daß das „Wort“ von Ewigkeit her vom Vater geboren ist. Und wenn der Geist, dessen Werkzeuge die Propheten waren, der Geist des Wortes war, so ist daraus unzweifelhaft zu schließen, daß dieses Wort wahrer Gott war. Das lehrt auch Mose in der Schöpfungsgeschichte völlig klar: denn da stellt er fest, daß das Wort Mittel der Schöpfung war. Weshalb sollte er anders immer wieder berichtet haben, daß Gott bei der Schöpfung der einzelnen Werke sprach: „Es werde …“, wenn er nicht zeigen wollte, daß Gottes unausforschliche Herrlichkeit in seinem Bilde erstrahlte? Vorwitzige Schwätzer behaupten hier natürlich gleich, „Wort“ hieße soviel wie Befehl oder Auftrag. Aber die Apostel sind doch bessere Ausleger, und sie verkünden, daß durch den Sohn die Welt geschaffen worden sei und daß er alles trage mit seinem mächtigen Wort (Hebr. 1,2). Hier sehen wir also, daß „Wort“ den Wink und Befehl des Sohnes bedeutet, der selbst das ewige und wesentliche Wort des Vaters ist. Verständige und bescheidene Leute finden auch den Ausspruch des Salomo nicht dunkel, in dem er zeigt, wie die Weisheit von Gott in Ewigkeit geboren und bei der Schöpfung aller Dinge wie auch in allen Werken Gottes waltet (Jesus Sirach 24,14). Es wäre töricht und lästerlich, nur einen vorübergehenden Wink Gottes anzunehmen; denn Gott wollte damals seinen festen und ewigen Ratschluß, ja noch Verborgeneres offenbaren. Darauf bezieht sich auch das Wort Christi: „Mein Vater und ich wirken bis auf diesen Tag“ (Joh. 5,17; nicht Luthertext). Denn da zeigt er, daß er selbst seit Anbeginn der Welt mit dem Vater zusammen kräftig am Werke gewesen ist, und macht so deutlicher, was Mose kürzer angedeutet hatte. Gott hat also — so müssen wir folgern — so geredet, daß das Wort seinen Anteil am Werke hatte und auf diese Weise das Wirken beiden gemeinsam war. Bei weitem am klarsten stellt das Johannes fest, wenn er das Wort, das im Anfang als Gott bei Gott war, zugleich mit dem Vater als Ursprung aller Dinge uns vorstellt (Joh. 1,3). Denn so mißt er dem Worte ein festes und bleibendes Wesen bei, schreibt ihm aber auch etwas ihm Eigentümliches zu und zeigt dann auch mit größter Durchsichtigkeit, wieso denn Gott in seinem Reden der Schöpfer der Welt gewesen ist. Wie also alle von Gott ausgegangenen Offenbarungen mit Recht die Ehrenbezeichnung „Gottes Wort“ tragen, so muß auch dieses aus Gottes Wesen kommende Wort selber den höchsten Platz erhalten, nämlich denjenigen des Quells aller Offen­barung, weil es, keinem Wechsel unterworfen, immerfort als ein und dasselbe bei Gott bleibt und selbst Gott ist!

Die Gottheit Christi erweist sich in seinen Werken

Wenn wir nun auch aus Christi Werken, wie sie ihm in der Schrift zuge­schrieben werden, seine Gottheit kennenlernen, dann wird sie uns noch deutlicher ent­gegenleuchten. Als er sagte, er wirke seit Anbeginn und bis hierher mit dem Vater (Joh. 5,17), da begriffen die Juden, die gegen alle seine anderen Worte völlig stumpf waren, doch, daß er sich hier göttliche Kraft zuschrieb. Und deshalb suchten sie ihn, wie Johannes berichtet, nur desto mehr zu töten, weil er nicht nur den Sabbat gebrochen hatte, sondern Gott für seinen Vater erklärte und sich so Gott gleichmachte (Joh. 5,18). Wie groß müßte doch unsere Verblendung sein, wenn wir hier nicht die Behauptung seiner Gottheit herausmerken wollten! Es ist doch wahrhaftig allein das Werk des Schöpfers, mit Vorsehung und Kraft die Welt zu regieren und mit seinem Willen alles zu leiten — und das schreibt der Apostel ihm zu! (Hebr. 1,3). Aber er teilt nicht bloß das Werk der Weltregierung mit dem Vater, sondern auch andere einzelne Wirksamkeiten, an denen kein Geschöpf Anteil haben kann. Der Herr ruft durch den Propheten aus: „Ich, ich tilge deine Missetaten um meinetwillen (Jes. 43,25). Als die Juden diesem Spruch gemäß meinten, es geschähe Gottesläste­rung dadurch, daß Jesus Sünden vergab — da nahm er diese Vollmacht nicht nur ausdrücklich für sich in Anspruch, sondern bekräftigte sie auch mit einem Wunder (Matth. 9,6). So sehen wir, daß nicht nur das Amt, sondern die (freie) Voll­macht der Sündenvergebung bei ihm lag — während sich doch der Herr weigert, sie an jemand anders zu übertragen! Ist es nicht einzig und allein Gottes Macht, die verschwiegenen Gedanken des Herzens zu erkunden und zu durchschauen? Aber auch diese Macht besaß Christus (Matth. 9,4), woraus wiederum seine Gottheit her­vorgeht.

Von Johannes Calvin: Unterricht in der Christlichen Religion (Institutio Christianae religionis)
Übersetzt von Otto Weber

Johannes Calvin: Gotteserkenntnis ist praktische Ehrfurcht und Gotteserkenntnis ist kein Gedankenspiel

Quelle: http://www.calvin-institutio.de/display_d…

Aus Johannes Calvins Institutio 1536

Buch 1 Kapitel 2

Gotteserkenntnis ist praktische Ehrfurcht

Erkenntnis Gottes ist nun für mein Verständnis nicht allein darin beschlossen, daß wir wissen: es ist ein Gott. Wir sollen auch festhalten, was uns von ihm zu wissen nottut, was zu seiner Ehre dient, was uns zuträglich ist. Denn es kann von einem eigentlichen Erkennen Gottes keine Rede sein, wo Ehrfurcht (religio) und Fröm­migkeit fehlt. Und dabei denke ich noch nicht einmal an jene Weise der Erkenntnis Gottes, durch welche in sich verlorene und verdammte Menschen in Christus, dem Mittler, Gott als Erlöser ergreifen. Hier ist bloß von jener ursprünglichen und einfachen Erkenntnisweise die Rede, zu welcher schon die Ordnung der Natur führen würde, wenn Adam nicht gefallen wäre. Es kann zwar gewiß in dieser Verderbnis der Menschheit kein Mensch Gott als den Vater, den Urheber seines Heils, noch irgendwie als den gnädigen Gott erkennen, ehe denn Christus ins Mittel tritt, um uns den Frieden mit Gott zu erringen. Gleichwohl ist es etwas anderes, Gott zu erkennen als den Schöpfer, der uns mit seiner Macht trägt, mit seiner Vorsehung leitet, seiner Güte pflegt, mit der Fülle seiner Segnungen begleitet, und wiederum etwas anderes, die Gnade der Versöhnung zu ergreifen, die uns in Christus zukommt. Weil uns nun der Herr erstlich einfach als der Schöpfer entgegentritt — in seinem Werke, der Welt, wie auch der allgemeinen Lehre der Schrift — und dann fernerhin im Angesicht Christi als der Erlöser, so ergibt sich eine zwiefache Erkenntnis Gottes. Hier ist von der erstbezeichneten Erkenntnis die Rede. Es folgt dann die zweite nach ihrer Ordnung.
Obwohl man nun Gott innerlich nicht erfassen kann, ohne ihm zugleich irgendeine Verehrung zu erweisen, so genügt es doch nicht, einfach festzuhalten, er sei der Einige, der von allen angebetet und verehrt werden müsse. Wir müssen viel­mehr auch überzeugt sein, daß er der Brunnquell aller Güter ist, damit wir nichts Gutes suchen außer in ihm. Dies meine ich, weil er die Welt, wie er sie einst schuf, so noch stets mit unendlicher Macht trägt, mit seiner Weisheit ordnet, mit seiner Güte erhält, weil er insbesondere die Menschheit mit Gerechtigkeit und Gericht regiert, mit Barmherzigkeit gewähren läßt, mit seiner Wehr schützt und überhaupt weil nirgendwo ein Tröpflein Weisheit oder Licht, oder Gerechtigkeit, oder Kraft, oder Heiligkeit, oder gewisser Wahrheit sich findet, das nicht von ihm her flösse und dessen Ursprung nicht er wäre! Auf diese Weise lernen wir, alles von ihm zu erwarten und zu erbitten und mit Danksagung alles als seine Gabe anzuerkennen. Denn diese Wahrnehmung der Macht und Güte Gottes ist für uns der rechte Lehr­meister der Frömmigkeit, aus der die Religion entsteht. Frömmigkeit nenne ich die mit Liebe verbundene Ehrfurcht vor Gott, welche aus der Erkenntnis seiner Wohltaten herkommt. Solange aber der Mensch nicht empfindet, daß er Gott alles ver­dankt, daß Gott ihn durch seine väterliche Fürsorge umfängt und alle seine Güter über ihn ausschüttet, so daß nichts außer ihm zu suchen ist — solange unterwirft er sich ihm niemals in freiwilliger Dienstbereitschaft. Ja, wo er nicht all sein Heil auf ihn gründet, da wird er sich ihm nimmermehr wahrhaftig und von Herzen ganz übergeben.

 

Gotteserkenntnis ist kein Gedankenspiel

Deshalb ist es unnützes Gedankenspiel, wenn einige sich eifrig um die Frage nach Gottes „Sein“ und „Wesen“ mühen. Uns liegt mehr daran, zu wissen, was für ein Gott er ist und was seiner Art gemäß ist. Denn wozu soll es dienen, mit Epikur einen Gott zu bekennen, der die Fürsorge um die Welt von sich wirft und nur in der Muße seine Ergötzung findet? Was hilft es auch, einen Gott zu erkennen, mit dem wir nichts zu schaffen haben? Zweck und Ziel der Gotteserkenntnis soll doch vielmehr sein, daß wir lernen, Gott zu fürchten und zu ehren, ferner: daß wir unter ihrer Leitung

alles von ihm erbitten und ihm alles in Dankbarkeit zuschreiben lernen. Wie sollte denn der Gedanke an Gott anders in deinem Herzen Raum gewinnen, als daß du so­gleich bedächtest: Du bist sein Gebild und kraft Rechts der Erschaffung seinem Befehl unterstellt und hörig; dein Leben verdankst du ihm, all dein Tun und Planen soll sich nach ihm ausrichten? Wenn das so ist, dann ergibt sich sofort weiter, daß dein Leben schändlich verdorben ist, wenn es nicht zu seinem Dienste da ist! Denn sein Wille muß das Gesetz unseres Lebens sein. Andererseits aber gewinnst du nur dazu eine klare Anschauung Gottes, daß du ihn als Brunnquell und Ursprung alles Guten erkennst. Daraus müßte dann das Begehren entstehen, ihm anzuhangen, Vertrauen und Zuversicht auf ihn zu setzen — wenn den menschlichen Verstand nicht die eigene Verkehrtheit vom rechten Suchen abbrächte. Denn zunächst erträumt sich ein from­mer Sinn nicht irgendeinen Gott, sondern richtet sein Gemerk auf den Einigen und Wahren. Er dichtet ihm auch nicht an, was ihm in den Sinn kommt, sondern ist zu­frieden, ihn so anzunehmen, wie er sich selber offenbart und erweist, hütet sich auch immerzu mit höchstem Fleiß, daß er nicht in verwegenem Leichtsinn weiter gehe, als Gottes Wille reicht, und freventlich herumstreife. Da er ihn so erkannt hat als den, der alles ordnet, so vertraut er sich ihm an als dem Hüter und Hort und überläßt sich ganz seiner Treue. Denn er weiß ja, daß Gott der Urheber alles Guten ist, und darum flüchtet er unter seinen Schutz und erwartet seine Hilfe, wo etwas drückt oder mangelt. Er ist überzeugt von seiner Güte und Barmherzigkeit, und darum vertraut er sich ihm fest an und zweifelt nicht, daß gegen all sein Unglück Gottes Güte ein Heilmittel haben werde. Er kennt ihn als den Herrn und Vater, und des­halb hält er ihn auch für wert, in allen Stücken auf seinen Befehl zu achten, seine Majestät zu ehren, seine Ehre auszubreiten und seinen Geboten zu gehorchen. Er sieht, daß Gott ein gerechter Richter ist, gewaffnet mit seiner Unerbittlichkeit, alle Laster zu strafen, und darum hat er seinen Richtstuhl allezeit vor Augen, und die Furcht Gottes hindert ihn, seinen Zorn zu reizen. Indessen schreckt ihn der Gedanke an das Gericht doch nicht so sehr, daß er etwa fliehen möchte, auch wenn es ihm möglich wäre. Denn er kennt ihn ebensosehr als den Vergelter für die Bösen, wie als den Wohltäter gegen die Gottesfürchtigen — gehört es doch für ihn nicht weniger zu Gottes Ehre, daß für die Gottlosen und Gesetzlosen Strafe, als daß für die Gerechten der Lohn des ewigen Lebens bei ihm aufgehoben ist! Zudem hält er sich nicht etwa bloß aus Angst vor dem Gericht von der Sünde zurück, sondern weil er Gott als Vater liebt und verehrt, ihm als dem Herrn Gehorsam und Dienst er­weist — gäbe es auch keine Hölle, so scheute er sich doch, ihn zu kränken. Das ist reine und unverfälschte Religion: Glaube und ernste Gottesfurcht miteinander verbunden! So schließt die Furcht freiwillige Verehrung Gottes in sich und bringt den rechten Gottesdienst mit sich, wie ihn das Gesetz verordnet. Das letztere muß besonders be­merkt werden; denn alle Menschen miteinander verehren Gott, aber nur wenige er­weisen ihm die rechte Ehrfurcht. Denn überall ist ein großes Gepränge der Zere­monien, aber selten ist die Aufrichtigkeit des Herzens.

Johannes Calvin: Erkenntnis Gottes und Selbsterkenntnis des Menschen sind voneinander abhängig

Quelle: http://www.calvin-institutio.de/side…

Aus Calvins Institutio 1536:

Buch 1 Kapitel 1

Selbsterkenntnis der Weg zur Gotteserkenntnis

Der Gesamtinhalt der Lebensweisheit, die so zu heißen verdient, umfaßt zwei Stücke, nämlich die Erkenntnis Gottes und die Selbsterkenntnis. Beide sind derartig miteinander verwachsen, daß man kaum auseinander halten kann, auf welcher Seite der Grund, und auf welcher die Folge ist. Denn erstlich kann niemand sich selbst ins Auge fassen, ohne zugleich einen Blick auf Gott zu werfen, in welchem wir leben, weben und sind (Apg.17, 28); denn alles, was wir haben, stammt von ihm und ruht auf ihm allein. Die Güter, welche wie Tropfen vom Himmel auf uns fallen, leiten uns an, nach der Quelle zu fragen. Anderseits werden wir die unermeßliche Fülle des Reichtums, den Gott besitzt, erst zu schätzen wissen, wenn wir unsere Dürftigkeit anschauen. Namentlich der jämmerliche Zustand, in den uns der Fall der ersten Menschen gestürzt hat, zwingt uns, die Augen zum Himmel emporzuheben, nicht bloß um hungrig und bedürftig von dort zu erbitten, was uns fehlt, sondern um in Furcht und Schrecken die gebührende Demut zu lernen. Weil der Mensch eine Welt von Elend in sich birgt, so müßte schon das Bewußtsein des eigenen unglücklichen Zustandes einen jeglichen antreiben, wenigstens eine geringe Erkenntnis von Welt zu fassen. So erkennen wir aus der Empfindung unserer Unwissenheit, Eitelkeit, Bedürftigkeit, Schwachheit, Sünde und Verkehrtheit, daß allein Gott das wahre Licht der Weisheit, zuverlässige Kraft, den unausschöpflichen Quell aller Güter und reine Gerechtigkeit in sich birgt. Unser Übel weckt uns auf, die Güter Gottes anzuschauen, und wir werden nicht eher ernstlich nach ihm fragen, als wir nicht anfangen, ein Mißfallen an uns selbst zu haben. Denn welcher Mensch gibt sich nicht gern mit sich und seinen angeblichen Tugenden zufrieden, solange er sich selbst und sein Elend nicht kennt?

So leitet uns also die Selbsterkenntnis an, nicht nur nach Gott zu fragen, sondern ihn auch zu finden.

 

Gotteserkenntnis der Weg zur Selbsterkenntnis

Anderseits steht fest, daß der Mensch niemals eine reine Selbsterkenntnis gewinnen kann, wenn er nicht zuerst dem Herrn ins Angesicht schaut, um von dort aus den Blick auf sich selbst zurückzulenken. Denn in unserm angeborenen Stolz halten wir uns stets für gerecht, vollkommen, klug und weise, wenn wir nicht durch offenbare Beweise uns von unserer Ungerechtigkeit, Befleckung, Torheit und Unreinigkeit überzeugen müssen. Wir werden aber davon nicht überzeugt, wenn wir nur auf uns selbst schauen und nicht auch auf Gott, welcher der allein zulässige Maßstab unserer Selbstbeurteilung ist. Denn weil wir alle von Natur zur Heuchelei geneigt sind, geben wir uns mit jedem hohlen Schein von Gerechtigkeit schon reichlich zufrieden. Und weil wir um und um mit Schmutz besudelt sind, halten wir schon für rein, was nur vielleicht etwas weniger schmutzig ist. So hält das Auge, das an lauter schwarze Farbe gewöhnt ist, vielleicht schon ein schmutziges Grau für weiß. Überhaupt mögen wir aus der Erfahrung unseres leiblichen Auges ableiten, wie schwer wir uns im Urteil über unsre innere Tüchtigkeit täuschen. Denn solange wir am hellen Tage nur die Erde anschauen mit allem, was uns umgibt, können wir unsere Sehkraft für scharf und stark halten: sobald wir aber mit geöffnetem Auge in die Sonne blicken wollen, wird die Sehkraft, die auf Erden völlig ausreichte, derart geblendet, daß wir gar nichts mehr wahrnehmen; was wir Sehschärfe nennen, erweist sich als Stumpfheit. Genauso ergeht es uns bei der Betrachtung unserer geistlichen Gaben. So lange wir über das Diesseits nicht hinausblicken, schmeicheln wir uns in der angenehmsten Weise mit unserer Gerechtigkeit, Weisheit und Kraft, und es fehlt nicht viel, so hielten wir uns für Halbgötter. Fangen wir aber an, unsere Gedanken zu Gott emporzuheben, bedenken wir, wie er beschaffen ist, und wie wir nach seiner vollkommenen Gerechtigkeit, Weisheit und Kraft gebildet sein sollten, so wird uns bald der Schmutz unserer Ungerechtigkeit anstarren, den wir zuvor für Gerechtigkeit hielten. Was wir als herrliche Weisheit bestaunten, wird uns als äußerste Torheit angrinsen; was den Schein der Kraft an sich trug, wird als jämmerlichstes Unvermögen offenbar werden. So wenig kann vor Gottes Reinheit bestehen, was das Vollkommenste an uns zu sein schien.

 

Der Mensch vor Gottes Majestät

Daher kommt es, daß nach vielfach wiederholten Berichten der Schrift die Heiligen von Furcht und Entsetzen durchrüttelt und zu Boden geworfen wurden, sooft ihnen Gottes Gegenwart widerfuhr. Menschen, die zuvor, ohne seine Gegenwart, sicher und stark dastanden – jetzt, da er seine Majestät offenbart, sehen wir sie derart in Schrecken und Entsetzen gejagt, daß sie geradezu in Todesangst niederfallen, ja vor Schrecken vergehen und fast zunichte werden! Daran merken wir, daß den Menschen erst dann die Erkenntnis seiner Niedrigkeit recht ergreift, wenn er sich an Gottes Majestät gemessen hat. Beispiele solcher Erschütterung haben wir im Richterbuche wie auch bei den Propheten. Es ging soweit, daß im Volke Gottes die Rede-wendung in Gebrauch kam: „Wir müssen sterben; denn wir haben den Herrn gesehen“ (Ri. 13,22; Jes. 6,5; Ez. 1,28; u.a.). Und wenn das Buch Hiob (z. B. Kap. 38ff.) den Menschen durch das Bewußtsein seiner Torheit, Ohnmacht und Beflecktheit zu Boden werfen will, so dienen ihm stets die Beschreibungen von Gottes Weisheit, Kraft und Reinheit zum Beweise. Das ist berechtigt: wir sehen, wie auch Abraham, nachdem er einmal von nahem des Herrn Herrlichkeit erschaut hat, um so besser erkennt, daß er „Erde und Asche“ ist (Gen. 18,27). Elia vermag Sein Nahen nicht mit unverdecktem Antlitz zu ertragen (1. Kön. 19,13). Solcher Schrecken liegt in seinem Anblick! Was soll auch der Mensch tun, der doch Staub ist und ein Wurm, wenn selbst die Cherubim in heiliger Scheu ihr Angesicht ver-hüllen müssen! (Jes. 6,2). Eben dies spricht Jesaja aus: „Der Mond wird sich schämen und die Sonne mit Schanden bestehen, wenn der Herr der Heerscharen König sein wird“ (Jes. 24,23). Das heißt: wenn er seine Herrlichkeit in voller Nähe offenbaren wird, dann versinkt auch das sonst Leuchtendste in Finsternis.
Gewiß: Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis sind fest miteinander verknüpft. Aber die rechte Ordnung in der Lehre verlangt, daß wir zunächst die Gottes-erkenntnis und dann die Selbsterkenntnis behandeln.

Unterricht in der christlichen Religion = Institutio Christianae religionis / Johannes Calvin. Nach der letzten Ausg. übers. und bearb. von Otto Weber