Martin Luther: Vorrede der Evangelien

Ein Vortrag von Martin Luther über die Evangelien und was wir darin finden.

Ein kleiner Auszug:

Das Hauptstück und der Grund des Evangeliums ist, dass du Christus zuvor, ehe du ihn dir zum Vorbild fassest, aufnehmest und erkennest als eine Gabe und Geschenk, das dir von Gott gegeben und dein eigen sei. So dass du, wenn du ihm zu siehest oder – hörest, dass er etwas tut oder leidet, nicht zweifelst, er selbst, Christus, sei mit solchem Tun und Leiden dein, worauf du dich nicht weniger verlassen kannst, als hättest du es getan, ja als wärest du derselbe Christus. Siehe, das heißt das Evangelium recht erkannt, das ist die überschwängliche Güte Gottes, die kein Prophet, kein Apostel, kein Engel je hat voll beschreiben, kein Herz je genugsam bewundern und begreifen können. Das ist das große Feuer der Liebe Gottes zu uns, davon wird das Herz und Gewissen froh, sicher und zufrieden, das heißt den christlichen Glauben predigen. Davon heißt solche Predigt »Evangelium«, das besagt auf Deutsch so viel wie eine »fröhliche, gute, tröstliche Botschaft«, von welcher Botschaft die Apostel die zwölf Boten genannt werden.

Davon sagt Jesaja 9, 6: »Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben«. Ist er uns gegeben, so muss er unser sein, so müssen wir uns auch seiner als des Unseren annehmen. Und Römer 8, 32: »Wie sollte er uns nicht alle Dinge mit seinem Sohn schenken? «Siehe, wenn du Christus so auffassest, als eine Gabe, dir zu eigen gegeben, und nicht daran zweifelst, so bist du ein Christ. Der Glaube erlöst dich von Sünden, Tod und Hölle, macht, dass du alle  Dinge überwindest. Ach, da kann niemand genug von reden, da ist die Klage, dass solche Predigt in der Welt verschwiegen wird, obwohl das Evangelium doch alle Tage gerühmt ist.

Da soll unser Studieren und Lesen sich üben und sehen, was Christus sei, wozu er gegeben sei, wie er versprochen sei, und wie sich alle Schrift auf ihn beziehe, wie er selbst Johannes 5, 46 sagt: »Wenn ihr Mose glaubet, so glaubet ihr auch mir, denn von mir hat er geschrieben«, ebenso Johannes 5, 39: »Suchet in der Schrift, denn sie ist’s, die von mir Zeugnis gibt«. Das meint Paulus im ersten Kapitel des Römerbriefs, wo er gleich zu Anfang im Gruß sagt (Vers 2), das Evangelium sei von Gott durch die Propheten in der heiligen Schrift verheißen


Der ganze Vortrag:

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Michael Horton: Reformierte Theologie Vs. Hyper-Calvinismus

Ehe der durchschnittliche Gläubige lernt, was reformierte Theologie (z.B. Calvinismus) eigentlich ist, lernt er normalerweise zuerst, was es nicht ist. Es ist oft so, dass Kritiker die reformierte Theologie nicht nach ihren Lehren definiert, sondern nachdem, was sie denken, wäre die logische Schlussfolgerung. Noch tragischer ist aber, dass einige Hyper-Calvinisten dem gleichen Kurs folgten. So oder so, der „Calvinismus“ wird am Ende von einer Extreme dargestellt, die er selbst nicht als Biblisch anerkennt. Die Vorwürfe gegen die reformierte Theologie, wofür der Hyper-Calvinismus schuldig ist, empfingen eine deutliche Antwort von der internationalen Dordrechter Synode (1618-1619) und dem Westminster Bekenntnis.

Ist Gott der Autor der Sünde?

Der Gott Israels ist der Fels; vollkommen ist sein Tun; ja, alle seine Wege sind gerecht. Ein Gott der Treue und ohne Falsch, gerecht und aufrichtig ist er“ (5. Mose 32.4-5, Schlachter 2000). In der Tat, Jakobus hatte reale Menschen im Sinn als er verwarnte, „Niemand sage, wenn er versucht wird: Ich werde von Gott versucht. Denn Gott ist unangefochten vom Bösen; er selbst versucht aber auch niemand. (Jakobus 1:13, Schlachter 1951). Sünde und Bosheit haben ihren Ursprung nicht in Gott oder der Schöpfung, jedoch im eigenhändigen Willen und Handeln von Geschöpfen.

Die Schrift liefert uns hierzu ein paar Leitplanken: Auf der einen Seite wirkt Gott „alles nach dem Ratschluss seines Willens“ (Eph. 1:11); auf der anderen, übt Gott nicht – vielmehr, kann nicht – böses ausüben. Wir sehen diese zwei Leitplanken des Öfteren flüchtig in einigen Abschnitten, am deutlichsten aber in 1. Mose 45 und Apostelgeschichte 2. Beim Ersteren erkennt Josef, dass obwohl der Vorsatz seiner Brüder, ihn als Sklave zu verkaufen, böse war, Gott es gut gemeint hat, damit viele Menschen während der Hungersnot gerettet werden (Verse 4-8). In dem gleichen Atemzug lesen wir in Apg. 2:23, dass „gesetzlose Menschen“ für die Kreuzigung verantwortlich sind, und doch wurde Jesus „nach Gottes festgesetztem Rat und Vorherwissen dahingegeben …“. Die Herausforderung hier liegt darin, das zu bejahen was die Schrift lehrt und nicht weiter zu spekulieren. Wir wissen zwar von der Schrift das beides wahr ist, jedoch nicht wie das sein kann. Die vielleicht prägnanteste Aussage zu diesem Argument ist im Westminster Bekenntnis zu finden (Kapitel 3:1): „Gott hat von aller Ewigkeit her nach dem vollkommen weisen und heiligen Ratschluss seines eigenen Willens uneingeschränkt frei und unveränderlich alles angeordnet, was auch immer geschieht;“ – dort ist die erste Leitplanke – doch so, dass Gott dadurch weder Urheber der Sünde ist noch dem Willen der Geschöpfe Gewalt angetan, noch die Freiheit oder Möglichkeit der Zweitursachen aufgehoben, sondern vielmehr in Kraft gesetzt werden.“1 und hiermit die zweite Leitplanke. Der gleiche Punkt wird auch im niederländischen Glaubensbekenntnis gemacht (Artikel 13) und fügt hinzu, „über alles aber, was er tut, dass die menschliche Fassungskraft übersteigt, wollen wir nicht neugierig und über unsere Fassungskraft nachforschen.“2

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B. B. Warfield – Die Ordnung der Urteile (des Heils)

Benjamin Breckenridge Warfield auch B. B. Warfield genannt, schrieb in seinem englischsprachigen Buch „The Plan of Salvation“, über die Ordnungen des Heils. Er geht in seinem Buch sorgfältig alle bekannten Anschauungen durch und endet schließlich mit der Wahrheit.

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Martin Luther: Vorrede auf das Alte Testament

DAS ALTE TESTAMENT HALTEN ETLICHE GERING / als eines, das dem Jüdischen Volk allein gegeben und nun ganz vorbei sei und nur von vergangenen Geschichten schreibe / Meinen sie haben genug am Neuen Testament und geben vor, nichts als geistlichen Sinn im Alten Testament zu suchen.

Wie es auch Origenes Hieronymus und viele hohe Leute mehr gehalten haben. Aber Christus spricht Joh. V., forschet in der Schrift denn dieselbige gibt Zeugnis von mir. Und S.Paulus gebietet Timotheo er solle anhalten mit lesen der Schrift. Und weist Röm. I. darauf hin wie das Evangelium von Gott / in der Schrift verheißen sei. Und I. Kor. XV. sagt er Christus sei entsprechend der Schrift von Davids Geblüte / gekommen gestorben und vom Tod auferstanden. So weist uns auch S. Petrus mehr als einmal zurück in die Schrift.

Womit sie uns also lehren die Schrift des Alten Testaments nicht zu verachten / sondern mit allem Fleiß zu lesen / weil sie selbst das Neue Testament so mächtiglich gründen und belegen durchs Alte Testament und sich drauf berufen. Wie auch S. Lucas Act. XVII. schreibt, daß die zu Thessalonich täglich die Schrift erforschten, ob sich’s so verhielte wie Paulus lehrte. So wenig nun des Neuen Testaments Grund und Lehre zu verachten ist so teuer ist auch das Alte Testament zu achten. Und was ist das Neue Testament anderes als eine öffentliche Predigt und Verkündigung von Christo / durch die Sprüche im Alten Testament gesetzt und durch Christum erfüllet.

Daß aber diejenigen, die es nicht besser wissen, eine Anleitung und Unterricht haben / nützlich darin zu lesen, habe ich diese Vorrede nach meinem Vermögen so viel mir Gott gegeben, gestellt. Bitte und warne aufrichtig einen jeglichen frommen Christen, daß er sich nicht stoße an der einfältigen Rede und Geschicht so ihm oft begegnen wird. Sondern zweifle nicht dran / wie schlecht es immer sich ansehen läßt / es seien nur Worte, Werke, Gericht und Geschichte der hohen göttlichen Majestät / Macht und Weisheit. Denn dies ist die Schrift die alle Weisen und Klugen zu Narren macht und allein den Kleinen und Geringen offen steht, wie Christus sagt Matth. XI. / Darum laß dein Dünkel und Gefühl fahren und halte von dieser Schrift, als von dem allerhöchsten, edelsten Heiligtum / als von der allerreichsten Fundgrube die nie mehr genug ergründet werden mag. Auf daß du die Göttliche Weisheit finden mögest, welche Gott hier so schlicht und einfach vorlegt, daß er allen Hochmut dämpfe. Hier wirst du die Windeln und die Krippe finden darin Christus liegt / Dahin auch der Engel die Hirten weist. Schlechte und geringe Windeln sind es / Aber teuer ist der Schatz Christus der drinnen liegt.

SO WISSE NUN, DASS DIES BUCH EIN GESETZBUCH IST, das da lehrt was man tun und lassen soll. Und daneben anzeigt Exempel und Geschichte wie solche Gesetze gehalten oder übertreten sind. Gleich wie das Neue Testament ein Evangelium oder Gnadenbuch ist und lehrt wo man’s nehmen soll, daß das Gesetz erfüllt werde. Aber gleich wie im Neuen Testament neben der Gnadenlehre auch viele andere Lehren gegeben werden, die da Gesetz und Gebot sind das Fleisch zu regieren, sintemal in diesem Leben der Geist nicht vollkommen wird, noch allein Gnade regieren kann. Also sind auch im Alten Testament neben den Gesetzen etliche Verheißung und Gnadensprüche, womit die heiligen Väter und Propheten unter dem Gesetz im Glauben Christi, wie wir, erhalten sind. Doch wie des Neuen Testaments eigentliche Hauptlehre ist Gnade und Friede durch Vergebung der Sünden in Christo verkündigen / Also ist des Alten Testaments eigentliche Hauptlehre Gesetze lehren und Sünde anzeigen und Gutes fordern. Solches wisse im Alten Testament zu erwarten.

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Martin Luther: Vorrede zum Römerbrief

Diese Epistel ist das eigentliche Hauptstück des Neuen Testaments und das allerlauterste Evangelium. Sie ist es wohl würdig und wert, daß sie ein Christenmensch nicht nur von Wort zu Wort auswendig wisse, sondern daß er auch täglich damit als mit täglichem Brot der Seele umgehe. Denn sie kann nimmer zu viel und zu gründlich gelesen oder betrachtet werden. Je mehr sie behandelt wird, um so köstlicher wird sie und schmeckt sie. Darum will ich auch meinen Dienst dazu tun und will durch diese Vorrede, so viel mir Gott verliehen hat, eine Einleitung dazu geben, damit sie von jedermann umso besser verstanden werde. Denn sie ist bisher mit Deutungen und mancherlei Geschwätz böse verfinstert worden, während sie doch an sich ein helles Licht ist und vollkommen genügt, um die ganze Schrift zu erleuchten.
Zuerst nun müssen wir der Sprache kundig werden und wissen, was St. Paulus mit den Worten: Gesetz, Sünde, Gnade, Glaube, Gerechtigkeit, Fleisch u. dergleichen meint. Sonst nützt kein Lesen darin.

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Johannes Calvin; Die Gottheit des „Wortes“ und Die Gottheit Christi erweist sich in seinen Werken

Die Gottheit des „Wortes“

Wenn nun die Schrift vom „Worte“ Gottes redet, so wäre das gewiß ganz widersinnig, wenn dieses „Wort“ bloß ein flüchtiger, leerer Laut wäre, der in die Luft ausgesandt würde und nun außer Gott selber seinen Lauf nähme. Von dieser Art waren die Offenbarungssprüche, die den Vätern zuteil wurden, und alle Prophetien. Nein, das „Wort“ bezeichnet die Weisheit, die bei Gott wohnt und aus der alle Offenbarungssprüche und Prophetien stammen. Denn nach dem Zeugnis des Petrus (1. Petr. 1,11) haben die alten Propheten nicht weniger aus dem Geiste Christi heraus geredet als die Apostel und diejenigen, die nach ihnen die himm­lische Lehre verwalteten. Da aber dazumal Christus noch gar nicht ans Licht getreten war, so ergibt sich notwendig, daß das „Wort“ von Ewigkeit her vom Vater geboren ist. Und wenn der Geist, dessen Werkzeuge die Propheten waren, der Geist des Wortes war, so ist daraus unzweifelhaft zu schließen, daß dieses Wort wahrer Gott war. Das lehrt auch Mose in der Schöpfungsgeschichte völlig klar: denn da stellt er fest, daß das Wort Mittel der Schöpfung war. Weshalb sollte er anders immer wieder berichtet haben, daß Gott bei der Schöpfung der einzelnen Werke sprach: „Es werde …“, wenn er nicht zeigen wollte, daß Gottes unausforschliche Herrlichkeit in seinem Bilde erstrahlte? Vorwitzige Schwätzer behaupten hier natürlich gleich, „Wort“ hieße soviel wie Befehl oder Auftrag. Aber die Apostel sind doch bessere Ausleger, und sie verkünden, daß durch den Sohn die Welt geschaffen worden sei und daß er alles trage mit seinem mächtigen Wort (Hebr. 1,2). Hier sehen wir also, daß „Wort“ den Wink und Befehl des Sohnes bedeutet, der selbst das ewige und wesentliche Wort des Vaters ist. Verständige und bescheidene Leute finden auch den Ausspruch des Salomo nicht dunkel, in dem er zeigt, wie die Weisheit von Gott in Ewigkeit geboren und bei der Schöpfung aller Dinge wie auch in allen Werken Gottes waltet (Jesus Sirach 24,14). Es wäre töricht und lästerlich, nur einen vorübergehenden Wink Gottes anzunehmen; denn Gott wollte damals seinen festen und ewigen Ratschluß, ja noch Verborgeneres offenbaren. Darauf bezieht sich auch das Wort Christi: „Mein Vater und ich wirken bis auf diesen Tag“ (Joh. 5,17; nicht Luthertext). Denn da zeigt er, daß er selbst seit Anbeginn der Welt mit dem Vater zusammen kräftig am Werke gewesen ist, und macht so deutlicher, was Mose kürzer angedeutet hatte. Gott hat also — so müssen wir folgern — so geredet, daß das Wort seinen Anteil am Werke hatte und auf diese Weise das Wirken beiden gemeinsam war. Bei weitem am klarsten stellt das Johannes fest, wenn er das Wort, das im Anfang als Gott bei Gott war, zugleich mit dem Vater als Ursprung aller Dinge uns vorstellt (Joh. 1,3). Denn so mißt er dem Worte ein festes und bleibendes Wesen bei, schreibt ihm aber auch etwas ihm Eigentümliches zu und zeigt dann auch mit größter Durchsichtigkeit, wieso denn Gott in seinem Reden der Schöpfer der Welt gewesen ist. Wie also alle von Gott ausgegangenen Offenbarungen mit Recht die Ehrenbezeichnung „Gottes Wort“ tragen, so muß auch dieses aus Gottes Wesen kommende Wort selber den höchsten Platz erhalten, nämlich denjenigen des Quells aller Offen­barung, weil es, keinem Wechsel unterworfen, immerfort als ein und dasselbe bei Gott bleibt und selbst Gott ist!

Die Gottheit Christi erweist sich in seinen Werken

Wenn wir nun auch aus Christi Werken, wie sie ihm in der Schrift zuge­schrieben werden, seine Gottheit kennenlernen, dann wird sie uns noch deutlicher ent­gegenleuchten. Als er sagte, er wirke seit Anbeginn und bis hierher mit dem Vater (Joh. 5,17), da begriffen die Juden, die gegen alle seine anderen Worte völlig stumpf waren, doch, daß er sich hier göttliche Kraft zuschrieb. Und deshalb suchten sie ihn, wie Johannes berichtet, nur desto mehr zu töten, weil er nicht nur den Sabbat gebrochen hatte, sondern Gott für seinen Vater erklärte und sich so Gott gleichmachte (Joh. 5,18). Wie groß müßte doch unsere Verblendung sein, wenn wir hier nicht die Behauptung seiner Gottheit herausmerken wollten! Es ist doch wahrhaftig allein das Werk des Schöpfers, mit Vorsehung und Kraft die Welt zu regieren und mit seinem Willen alles zu leiten — und das schreibt der Apostel ihm zu! (Hebr. 1,3). Aber er teilt nicht bloß das Werk der Weltregierung mit dem Vater, sondern auch andere einzelne Wirksamkeiten, an denen kein Geschöpf Anteil haben kann. Der Herr ruft durch den Propheten aus: „Ich, ich tilge deine Missetaten um meinetwillen (Jes. 43,25). Als die Juden diesem Spruch gemäß meinten, es geschähe Gottesläste­rung dadurch, daß Jesus Sünden vergab — da nahm er diese Vollmacht nicht nur ausdrücklich für sich in Anspruch, sondern bekräftigte sie auch mit einem Wunder (Matth. 9,6). So sehen wir, daß nicht nur das Amt, sondern die (freie) Voll­macht der Sündenvergebung bei ihm lag — während sich doch der Herr weigert, sie an jemand anders zu übertragen! Ist es nicht einzig und allein Gottes Macht, die verschwiegenen Gedanken des Herzens zu erkunden und zu durchschauen? Aber auch diese Macht besaß Christus (Matth. 9,4), woraus wiederum seine Gottheit her­vorgeht.

Von Johannes Calvin: Unterricht in der Christlichen Religion (Institutio Christianae religionis)
Übersetzt von Otto Weber

Johannes Calvin: Gotteserkenntnis ist praktische Ehrfurcht und Gotteserkenntnis ist kein Gedankenspiel

Quelle: http://www.calvin-institutio.de/display_d…

Aus Johannes Calvins Institutio 1536

Buch 1 Kapitel 2

Gotteserkenntnis ist praktische Ehrfurcht

Erkenntnis Gottes ist nun für mein Verständnis nicht allein darin beschlossen, daß wir wissen: es ist ein Gott. Wir sollen auch festhalten, was uns von ihm zu wissen nottut, was zu seiner Ehre dient, was uns zuträglich ist. Denn es kann von einem eigentlichen Erkennen Gottes keine Rede sein, wo Ehrfurcht (religio) und Fröm­migkeit fehlt. Und dabei denke ich noch nicht einmal an jene Weise der Erkenntnis Gottes, durch welche in sich verlorene und verdammte Menschen in Christus, dem Mittler, Gott als Erlöser ergreifen. Hier ist bloß von jener ursprünglichen und einfachen Erkenntnisweise die Rede, zu welcher schon die Ordnung der Natur führen würde, wenn Adam nicht gefallen wäre. Es kann zwar gewiß in dieser Verderbnis der Menschheit kein Mensch Gott als den Vater, den Urheber seines Heils, noch irgendwie als den gnädigen Gott erkennen, ehe denn Christus ins Mittel tritt, um uns den Frieden mit Gott zu erringen. Gleichwohl ist es etwas anderes, Gott zu erkennen als den Schöpfer, der uns mit seiner Macht trägt, mit seiner Vorsehung leitet, seiner Güte pflegt, mit der Fülle seiner Segnungen begleitet, und wiederum etwas anderes, die Gnade der Versöhnung zu ergreifen, die uns in Christus zukommt. Weil uns nun der Herr erstlich einfach als der Schöpfer entgegentritt — in seinem Werke, der Welt, wie auch der allgemeinen Lehre der Schrift — und dann fernerhin im Angesicht Christi als der Erlöser, so ergibt sich eine zwiefache Erkenntnis Gottes. Hier ist von der erstbezeichneten Erkenntnis die Rede. Es folgt dann die zweite nach ihrer Ordnung.
Obwohl man nun Gott innerlich nicht erfassen kann, ohne ihm zugleich irgendeine Verehrung zu erweisen, so genügt es doch nicht, einfach festzuhalten, er sei der Einige, der von allen angebetet und verehrt werden müsse. Wir müssen viel­mehr auch überzeugt sein, daß er der Brunnquell aller Güter ist, damit wir nichts Gutes suchen außer in ihm. Dies meine ich, weil er die Welt, wie er sie einst schuf, so noch stets mit unendlicher Macht trägt, mit seiner Weisheit ordnet, mit seiner Güte erhält, weil er insbesondere die Menschheit mit Gerechtigkeit und Gericht regiert, mit Barmherzigkeit gewähren läßt, mit seiner Wehr schützt und überhaupt weil nirgendwo ein Tröpflein Weisheit oder Licht, oder Gerechtigkeit, oder Kraft, oder Heiligkeit, oder gewisser Wahrheit sich findet, das nicht von ihm her flösse und dessen Ursprung nicht er wäre! Auf diese Weise lernen wir, alles von ihm zu erwarten und zu erbitten und mit Danksagung alles als seine Gabe anzuerkennen. Denn diese Wahrnehmung der Macht und Güte Gottes ist für uns der rechte Lehr­meister der Frömmigkeit, aus der die Religion entsteht. Frömmigkeit nenne ich die mit Liebe verbundene Ehrfurcht vor Gott, welche aus der Erkenntnis seiner Wohltaten herkommt. Solange aber der Mensch nicht empfindet, daß er Gott alles ver­dankt, daß Gott ihn durch seine väterliche Fürsorge umfängt und alle seine Güter über ihn ausschüttet, so daß nichts außer ihm zu suchen ist — solange unterwirft er sich ihm niemals in freiwilliger Dienstbereitschaft. Ja, wo er nicht all sein Heil auf ihn gründet, da wird er sich ihm nimmermehr wahrhaftig und von Herzen ganz übergeben.

 

Gotteserkenntnis ist kein Gedankenspiel

Deshalb ist es unnützes Gedankenspiel, wenn einige sich eifrig um die Frage nach Gottes „Sein“ und „Wesen“ mühen. Uns liegt mehr daran, zu wissen, was für ein Gott er ist und was seiner Art gemäß ist. Denn wozu soll es dienen, mit Epikur einen Gott zu bekennen, der die Fürsorge um die Welt von sich wirft und nur in der Muße seine Ergötzung findet? Was hilft es auch, einen Gott zu erkennen, mit dem wir nichts zu schaffen haben? Zweck und Ziel der Gotteserkenntnis soll doch vielmehr sein, daß wir lernen, Gott zu fürchten und zu ehren, ferner: daß wir unter ihrer Leitung

alles von ihm erbitten und ihm alles in Dankbarkeit zuschreiben lernen. Wie sollte denn der Gedanke an Gott anders in deinem Herzen Raum gewinnen, als daß du so­gleich bedächtest: Du bist sein Gebild und kraft Rechts der Erschaffung seinem Befehl unterstellt und hörig; dein Leben verdankst du ihm, all dein Tun und Planen soll sich nach ihm ausrichten? Wenn das so ist, dann ergibt sich sofort weiter, daß dein Leben schändlich verdorben ist, wenn es nicht zu seinem Dienste da ist! Denn sein Wille muß das Gesetz unseres Lebens sein. Andererseits aber gewinnst du nur dazu eine klare Anschauung Gottes, daß du ihn als Brunnquell und Ursprung alles Guten erkennst. Daraus müßte dann das Begehren entstehen, ihm anzuhangen, Vertrauen und Zuversicht auf ihn zu setzen — wenn den menschlichen Verstand nicht die eigene Verkehrtheit vom rechten Suchen abbrächte. Denn zunächst erträumt sich ein from­mer Sinn nicht irgendeinen Gott, sondern richtet sein Gemerk auf den Einigen und Wahren. Er dichtet ihm auch nicht an, was ihm in den Sinn kommt, sondern ist zu­frieden, ihn so anzunehmen, wie er sich selber offenbart und erweist, hütet sich auch immerzu mit höchstem Fleiß, daß er nicht in verwegenem Leichtsinn weiter gehe, als Gottes Wille reicht, und freventlich herumstreife. Da er ihn so erkannt hat als den, der alles ordnet, so vertraut er sich ihm an als dem Hüter und Hort und überläßt sich ganz seiner Treue. Denn er weiß ja, daß Gott der Urheber alles Guten ist, und darum flüchtet er unter seinen Schutz und erwartet seine Hilfe, wo etwas drückt oder mangelt. Er ist überzeugt von seiner Güte und Barmherzigkeit, und darum vertraut er sich ihm fest an und zweifelt nicht, daß gegen all sein Unglück Gottes Güte ein Heilmittel haben werde. Er kennt ihn als den Herrn und Vater, und des­halb hält er ihn auch für wert, in allen Stücken auf seinen Befehl zu achten, seine Majestät zu ehren, seine Ehre auszubreiten und seinen Geboten zu gehorchen. Er sieht, daß Gott ein gerechter Richter ist, gewaffnet mit seiner Unerbittlichkeit, alle Laster zu strafen, und darum hat er seinen Richtstuhl allezeit vor Augen, und die Furcht Gottes hindert ihn, seinen Zorn zu reizen. Indessen schreckt ihn der Gedanke an das Gericht doch nicht so sehr, daß er etwa fliehen möchte, auch wenn es ihm möglich wäre. Denn er kennt ihn ebensosehr als den Vergelter für die Bösen, wie als den Wohltäter gegen die Gottesfürchtigen — gehört es doch für ihn nicht weniger zu Gottes Ehre, daß für die Gottlosen und Gesetzlosen Strafe, als daß für die Gerechten der Lohn des ewigen Lebens bei ihm aufgehoben ist! Zudem hält er sich nicht etwa bloß aus Angst vor dem Gericht von der Sünde zurück, sondern weil er Gott als Vater liebt und verehrt, ihm als dem Herrn Gehorsam und Dienst er­weist — gäbe es auch keine Hölle, so scheute er sich doch, ihn zu kränken. Das ist reine und unverfälschte Religion: Glaube und ernste Gottesfurcht miteinander verbunden! So schließt die Furcht freiwillige Verehrung Gottes in sich und bringt den rechten Gottesdienst mit sich, wie ihn das Gesetz verordnet. Das letztere muß besonders be­merkt werden; denn alle Menschen miteinander verehren Gott, aber nur wenige er­weisen ihm die rechte Ehrfurcht. Denn überall ist ein großes Gepränge der Zere­monien, aber selten ist die Aufrichtigkeit des Herzens.

Johannes Calvin: Erkenntnis Gottes und Selbsterkenntnis des Menschen sind voneinander abhängig

Quelle: http://www.calvin-institutio.de/side…

Aus Calvins Institutio 1536:

Buch 1 Kapitel 1

Selbsterkenntnis der Weg zur Gotteserkenntnis

Der Gesamtinhalt der Lebensweisheit, die so zu heißen verdient, umfaßt zwei Stücke, nämlich die Erkenntnis Gottes und die Selbsterkenntnis. Beide sind derartig miteinander verwachsen, daß man kaum auseinander halten kann, auf welcher Seite der Grund, und auf welcher die Folge ist. Denn erstlich kann niemand sich selbst ins Auge fassen, ohne zugleich einen Blick auf Gott zu werfen, in welchem wir leben, weben und sind (Apg.17, 28); denn alles, was wir haben, stammt von ihm und ruht auf ihm allein. Die Güter, welche wie Tropfen vom Himmel auf uns fallen, leiten uns an, nach der Quelle zu fragen. Anderseits werden wir die unermeßliche Fülle des Reichtums, den Gott besitzt, erst zu schätzen wissen, wenn wir unsere Dürftigkeit anschauen. Namentlich der jämmerliche Zustand, in den uns der Fall der ersten Menschen gestürzt hat, zwingt uns, die Augen zum Himmel emporzuheben, nicht bloß um hungrig und bedürftig von dort zu erbitten, was uns fehlt, sondern um in Furcht und Schrecken die gebührende Demut zu lernen. Weil der Mensch eine Welt von Elend in sich birgt, so müßte schon das Bewußtsein des eigenen unglücklichen Zustandes einen jeglichen antreiben, wenigstens eine geringe Erkenntnis von Welt zu fassen. So erkennen wir aus der Empfindung unserer Unwissenheit, Eitelkeit, Bedürftigkeit, Schwachheit, Sünde und Verkehrtheit, daß allein Gott das wahre Licht der Weisheit, zuverlässige Kraft, den unausschöpflichen Quell aller Güter und reine Gerechtigkeit in sich birgt. Unser Übel weckt uns auf, die Güter Gottes anzuschauen, und wir werden nicht eher ernstlich nach ihm fragen, als wir nicht anfangen, ein Mißfallen an uns selbst zu haben. Denn welcher Mensch gibt sich nicht gern mit sich und seinen angeblichen Tugenden zufrieden, solange er sich selbst und sein Elend nicht kennt?

So leitet uns also die Selbsterkenntnis an, nicht nur nach Gott zu fragen, sondern ihn auch zu finden.

 

Gotteserkenntnis der Weg zur Selbsterkenntnis

Anderseits steht fest, daß der Mensch niemals eine reine Selbsterkenntnis gewinnen kann, wenn er nicht zuerst dem Herrn ins Angesicht schaut, um von dort aus den Blick auf sich selbst zurückzulenken. Denn in unserm angeborenen Stolz halten wir uns stets für gerecht, vollkommen, klug und weise, wenn wir nicht durch offenbare Beweise uns von unserer Ungerechtigkeit, Befleckung, Torheit und Unreinigkeit überzeugen müssen. Wir werden aber davon nicht überzeugt, wenn wir nur auf uns selbst schauen und nicht auch auf Gott, welcher der allein zulässige Maßstab unserer Selbstbeurteilung ist. Denn weil wir alle von Natur zur Heuchelei geneigt sind, geben wir uns mit jedem hohlen Schein von Gerechtigkeit schon reichlich zufrieden. Und weil wir um und um mit Schmutz besudelt sind, halten wir schon für rein, was nur vielleicht etwas weniger schmutzig ist. So hält das Auge, das an lauter schwarze Farbe gewöhnt ist, vielleicht schon ein schmutziges Grau für weiß. Überhaupt mögen wir aus der Erfahrung unseres leiblichen Auges ableiten, wie schwer wir uns im Urteil über unsre innere Tüchtigkeit täuschen. Denn solange wir am hellen Tage nur die Erde anschauen mit allem, was uns umgibt, können wir unsere Sehkraft für scharf und stark halten: sobald wir aber mit geöffnetem Auge in die Sonne blicken wollen, wird die Sehkraft, die auf Erden völlig ausreichte, derart geblendet, daß wir gar nichts mehr wahrnehmen; was wir Sehschärfe nennen, erweist sich als Stumpfheit. Genauso ergeht es uns bei der Betrachtung unserer geistlichen Gaben. So lange wir über das Diesseits nicht hinausblicken, schmeicheln wir uns in der angenehmsten Weise mit unserer Gerechtigkeit, Weisheit und Kraft, und es fehlt nicht viel, so hielten wir uns für Halbgötter. Fangen wir aber an, unsere Gedanken zu Gott emporzuheben, bedenken wir, wie er beschaffen ist, und wie wir nach seiner vollkommenen Gerechtigkeit, Weisheit und Kraft gebildet sein sollten, so wird uns bald der Schmutz unserer Ungerechtigkeit anstarren, den wir zuvor für Gerechtigkeit hielten. Was wir als herrliche Weisheit bestaunten, wird uns als äußerste Torheit angrinsen; was den Schein der Kraft an sich trug, wird als jämmerlichstes Unvermögen offenbar werden. So wenig kann vor Gottes Reinheit bestehen, was das Vollkommenste an uns zu sein schien.

 

Der Mensch vor Gottes Majestät

Daher kommt es, daß nach vielfach wiederholten Berichten der Schrift die Heiligen von Furcht und Entsetzen durchrüttelt und zu Boden geworfen wurden, sooft ihnen Gottes Gegenwart widerfuhr. Menschen, die zuvor, ohne seine Gegenwart, sicher und stark dastanden – jetzt, da er seine Majestät offenbart, sehen wir sie derart in Schrecken und Entsetzen gejagt, daß sie geradezu in Todesangst niederfallen, ja vor Schrecken vergehen und fast zunichte werden! Daran merken wir, daß den Menschen erst dann die Erkenntnis seiner Niedrigkeit recht ergreift, wenn er sich an Gottes Majestät gemessen hat. Beispiele solcher Erschütterung haben wir im Richterbuche wie auch bei den Propheten. Es ging soweit, daß im Volke Gottes die Rede-wendung in Gebrauch kam: „Wir müssen sterben; denn wir haben den Herrn gesehen“ (Ri. 13,22; Jes. 6,5; Ez. 1,28; u.a.). Und wenn das Buch Hiob (z. B. Kap. 38ff.) den Menschen durch das Bewußtsein seiner Torheit, Ohnmacht und Beflecktheit zu Boden werfen will, so dienen ihm stets die Beschreibungen von Gottes Weisheit, Kraft und Reinheit zum Beweise. Das ist berechtigt: wir sehen, wie auch Abraham, nachdem er einmal von nahem des Herrn Herrlichkeit erschaut hat, um so besser erkennt, daß er „Erde und Asche“ ist (Gen. 18,27). Elia vermag Sein Nahen nicht mit unverdecktem Antlitz zu ertragen (1. Kön. 19,13). Solcher Schrecken liegt in seinem Anblick! Was soll auch der Mensch tun, der doch Staub ist und ein Wurm, wenn selbst die Cherubim in heiliger Scheu ihr Angesicht ver-hüllen müssen! (Jes. 6,2). Eben dies spricht Jesaja aus: „Der Mond wird sich schämen und die Sonne mit Schanden bestehen, wenn der Herr der Heerscharen König sein wird“ (Jes. 24,23). Das heißt: wenn er seine Herrlichkeit in voller Nähe offenbaren wird, dann versinkt auch das sonst Leuchtendste in Finsternis.
Gewiß: Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis sind fest miteinander verknüpft. Aber die rechte Ordnung in der Lehre verlangt, daß wir zunächst die Gottes-erkenntnis und dann die Selbsterkenntnis behandeln.

Unterricht in der christlichen Religion = Institutio Christianae religionis / Johannes Calvin. Nach der letzten Ausg. übers. und bearb. von Otto Weber