H. F. Kohlbrügge: Suchet was droben ist!

Eine Predigt von Hermann Friedrich Kohlbrügge über das neue Leben in Christus.
Das ist der erste Teil der Predigt über Kolosser 3:1-14, Teil zwei gibt es hier.

Ein kurzer Auszug:

Da muß man denn zum Licht, zur Klarheit kommen, nicht allein um es zu verstehen, sondern auf daß man Ruhe im Herzen habe, und Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, auf daß man das Wort stehen lasse, sich darunter beuge und bleibe bei dem Gebete, welches wir so eben mit einander gesungen haben:

„Denke nicht mehr meiner Sünde;
Ach, entbinde
Mich vielmehr von ihrer Wut!
Laß Dein ewiges Erbarmen
Mich umarmen
In dem teuren Lammesblut!“

Da klammert man sich denn fest an Christum, wahrhaftig von ganzem Herzen, und hat nichts anderes mehr, es ist sonst alles verloren; in Ihm allein ist Sicherheit, in Ihm allein Errettung.

. Aus diesem großen Tode hat Christus euch herausgezogen; Er hat euch, so tot wie ihr waret, in Sich aufgenommen; Er hat euren Tod verschlungen durch Seinen Tod, und als Er auferweckt wurde, seid ihr mit Ihm auferstanden. Das ist nun der Praxis nach offenbar geworden, als ihr glaubtet, d. i., als ihr bekehrt wurdet, als ihr aus eurem Tode ins Leben hinüber gegangen seid. Da war diese eure Auferstehung vom Tode eine Auferstehung mit Christo, und in Christo habt ihr eure Auferstehung zu suchen, – nicht in eurer Bekehrung, sondern in der Auferstehung Jesu Christi. Dieser Auferstehung seid ihr in eurer Bekehrung teilhaftig geworden. So seid ihr denn also aus eurem Tode hinweg und lebet mit Christo. Nun suchet, was droben ist! Ihr dürfet suchen euer täglich Brot, ihr dürfet trachten, daß ihr das bekommt, wozu ihr Menschen als Menschen geschaffen seid, daß ein jeder mit Gott und Ehren sich durch dieses Leben schlage, – aber die Wirksamkeit eurer Seele, die wahre Wirksamkeit der Seele sei: daß sie suche, was droben ist. Was ist denn droben? Christus! Wer ist denn das? Das ist der andere Adam, welcher Adams Schuld, worin du lagest, völlig bezahlt hat. Er sitzt nunmehr zur Rechten Gottes, indem Er Sieger ist furchtbar großer Heere; Er hat alles überwunden für euch.

Wenn die Kolosser aus sich selbst gesucht hätten, was droben ist, so hätte der Apostel nicht nötig gehabt, in dieser Weise an sie zu schreiben. Aber eben den Kolossern, obschon er sie nennt „Heilige und gläubige Brüder in Christo“, obschon er zu ihnen mit der Predigt kommt: „Ihr seid mit Christo auferstanden“, – hält er es vor: „Ihr suchet, was hienieden ist; ihr trachtet nach dem, was hienieden ist, aber trachtet doch nach dem, was droben ist“. Ist es denn so was Liebliches, zwischen Gräbern zu wandeln unter Totengebein?

Der Apostel gibt weiter die Ursache an, warum er das sagt, indem er fortfährt: „Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott“; das ist: „Ihr seid tot für die Dinge, welche hienieden sind, nicht durch euer Verdienst oder durch mystische Gedanken, nein, wirklich vor Gott. Er, Christus, hat euch so tot dafür gemacht, daß ihr nichts mehr damit tun könnt, wie ein Jüngling nicht mehr spielen kann mit seinen Kindersachen; das geht nicht mehr. So lange ich ein Weltkind bin, so lange ich blind bin, so lange kann ich Freude haben an Unkeuschheit, an Ungeduld, an Unfreundlichkeit; bin ich aber durch Gottes Gnade arretiert worden, so hat die Gnade mich tot gemacht, so daß ich lauter Verdruß habe an Unglaube, Ungeduld, Unkeuschheit, Unfreundlichkeit, und gestachelt werde, um mich so zu benehmen, daß ich die Früchte genieße in dem herrlichen Garten und mit dem Bräutigam die edlen balsamischen Düfte einatme der Lilien und Granatäpfel. Ihr seid gestorben, und euer Leben, das ist alles droben in Christo bei dem Vater, in Seinem Schrank. Dort steckt euer Leben.

Die ganze Predigt:

Schlagen wir, meine Geliebten auf den Brief Pauli an die –

Kolosser 3,1-10:
Wenn ihr nun mit Christus auferweckt worden seid, so sucht das, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist; denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott. Wenn der Christus, unser Leben, offenbar werden wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.
Tötet daher eure Glieder, die auf Erden sind: Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft, böse Lust[a] und die Habsucht, die Götzendienst ist; um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Söhne des Ungehorsams; unter ihnen seid auch ihr einst gewandelt, als ihr in diesen Dingen lebtet. Jetzt aber legt auch ihr das alles ab — Zorn, Wut, Bosheit, Lästerung, hässliche Redensarten aus eurem Mund. Lügt einander nicht an, da ihr ja den alten Menschen ausgezogen habt mit seinen Handlungen und den neuen angezogen habt, der erneuert wird zur Erkenntnis, nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat;

Das ist nicht ein Christ, meine Geliebten, welcher zwar die Predigt hört, aber nicht ein Täter des Wortes ist, – der die Predigt hört, dabei gleichsam schläft, kommt nach Hause und bleibt nicht erfüllt von dem, was er vernommen. So einer ist wie ein Mann, der in den Spiegel sieht; da sieht er nun sein angebornes Angesicht, so lange wie er davor steht; geht er aber von dem Spiegel hinweg, dann vergißt er wieder, wie er gestaltet war. Das ist vielmehr ein Christ, welcher unter dem Gesetze vor Gott zerschlagen liegt, hört nun die Predigt und macht die Anwendung auf sich selbst; er ist also mit dem, was er hört, sein Leben lang wirksam, so daß es ihm in Fleisch und Blut hineinkommt, daß das Herz davon erfüllt wird. Dann findet er Knoten in der heiligen Schrift. Er läßt sich nicht mehr herumtragen von der Weisheit dieser Welt und sich nicht beruhigen mit den Dingen dieses Lebens, sondern er findet Knoten in der heiligen Schrift und kann sie nicht lösen, und doch sind sie ihm so auf das Herz gebunden, daß sie ihm angst und bange machen. Da muß man denn zum Licht, zur Klarheit kommen, nicht allein um es zu verstehen, sondern auf daß man Ruhe im Herzen habe, und Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, auf daß man das Wort stehen lasse, sich darunter beuge und bleibe bei dem Gebete, welches wir so eben mit einander gesungen haben:

„Denke nicht mehr meiner Sünde;
Ach, entbinde
Mich vielmehr von ihrer Wut!
Laß Dein ewiges Erbarmen
Mich umarmen
In dem teuren Lammesblut!“

Da klammert man sich denn fest an Christum, wahrhaftig von ganzem Herzen, und hat nichts anderes mehr, es ist sonst alles verloren; in Ihm allein ist Sicherheit, in Ihm allein Errettung. Was hat ein Christ gelernt? Dies, daß er die Salbung von Gott hat, indem er mit Christo vereinigt ist, daß die Salbung von dem Haupt auf die Glieder herabfließt, daß er diese Salbung hat, um zu sein ein Prophet, auf daß er den Namen des Herrn Jesus bekenne, um zu sein ein Priester, auf daß er sich Gott zu einem lebendigen Dankopfer darbringe, um zu sein ein König, auf daß er mit freiem und gutem Gewissen wider Sünde und Teufel streite, und hernach in Ewigkeit mit Ihm über alle Kreaturen regiere. Daß wir Seinen Namen bekennen, tut es nicht, – daß wir uns selbst Ihm zum Dankopfer darbringen, tut es nicht, – unser Regieren tut es auch nicht, – die Salbung tut es, die Salbung wirkt es. Wo du dich schämst des Namens Jesu, so daß du Ihn nicht bekennst, wie du solltest, wo du dein Ich nicht dran geben willst, wo du dich tyrannisieren lässest von Sünde und Teufel, und du riechst dann diese köstliche Salbe, so erquickt sie dich und erfüllt dich mit Freudigkeit, um dennoch Seinen Namen zu bekennen, mit Willigkeit, um dich Ihm zu einem lebendigen Dankopfer darzustellen, und mit Mut, um in dem Herrn Jesu Christo zu sehen, daß Er alle deine Feinde überwunden hat.

Die verlesenen Worte sagen uns eigentlich dieses: Ihr Kolosser, ihr Heiligen und gläubige Brüder (so nennt er sie ja im Anfang des Briefes), ihr, die ihr glaubet in Christum Jesum und habet Liebe zu allen Heiligen, ihr habt ein anderes Leben, als ihr bisher gehabt habt, ihr lebtet früher, daß ich mich so ausdrücke, ganz wie die Toten im Grabe, wie Tote unter den Toten; da spieltet ihr mit Totengebeinen, mit Staub und Dreck. Aus diesem großen Tode hat Christus euch herausgezogen; Er hat euch, so tot wie ihr waret, in Sich aufgenommen; Er hat euren Tod verschlungen durch Seinen Tod, und als Er auferweckt wurde, seid ihr mit Ihm auferstanden. Das ist nun der Praxis nach offenbar geworden, als ihr glaubtet, d. i., als ihr bekehrt wurdet, als ihr aus eurem Tode ins Leben hinüber gegangen seid. Da war diese eure Auferstehung vom Tode eine Auferstehung mit Christo, und in Christo habt ihr eure Auferstehung zu suchen, – nicht in eurer Bekehrung, sondern in der Auferstehung Jesu Christi. Dieser Auferstehung seid ihr in eurer Bekehrung teilhaftig geworden. So seid ihr denn also aus eurem Tode hinweg und lebet mit Christo. Nun suchet, was droben ist! Ihr dürfet suchen euer täglich Brot, ihr dürfet trachten, daß ihr das bekommt, wozu ihr Menschen als Menschen geschaffen seid, daß ein jeder mit Gott und Ehren sich durch dieses Leben schlage, – aber die Wirksamkeit eurer Seele, die wahre Wirksamkeit der Seele sei: daß sie suche, was droben ist. Was ist denn droben? Christus! Wer ist denn das? Das ist der andere Adam, welcher Adams Schuld, worin du lagest, völlig bezahlt hat. Er sitzt nunmehr zur Rechten Gottes, indem Er Sieger ist furchtbar großer Heere; Er hat alles überwunden für euch. Was ist droben? Da habt ihr vor acht Tagen auf Ostermontag gesungen:

Das ist die rechte Osterbeut,
Der wir teilhaftig werden:
Fried’, Freude, Heil, Gerechtigkeit
Im Himmel und auf Erden.
Hier sind wir still ……

Und bei allen unsern Sachen
Lassen wir die Hände ruh’n.

Wir genießen nur die Früchte
Dessen, was Er ausgemacht,
Da Er uns in dem Gerichte
Längst mit Ehren durchgedacht!

Hier sind wir still und warten fort,
Bis unser Leib wird ähnlich dort
Christi verklärtem Leibe.

Also suchet, was droben ist, wo Christus ist! Das ist auch die Frucht des Geistes, nach dem Briefe Pauli an die Galater, Kap. 5, V. 22: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit“. Das ist droben, wo Christus ist. Da ist dies alles in Christo. In Christo ist es uns gegeben, freiwillig, als ein Geschenk. Es will aber gesucht sein, wie der Herr gesagt hat: „Wer sucht, der findet“. Hier ist nun die Rede von einem Suchen über alles andere Suchen. Der Mensch sucht alles, aber eben die Frucht des Geistes sucht er nicht. Man sucht schöne Bücher, woraus man was lernen kann, man sucht Arbeit, man sucht, – ja was sucht ein Mensch nicht alles! Er sucht seine Lust, Geld und Gut, wovon der Mensch aber nicht wissen will, daß er es sucht. Der Apostel sagt hier aber: „Seid ihr mit Christo auferstanden, so suchet was droben ist!“ Was wird dort gefunden? Friede, Freude, Gerechtigkeit, Geduld, Sanftmut, Gütigkeit, Glaube, Keuschheit, – das wird gefunden! Da hörst du wohl, daß du es nicht hast, daß es bei dir nicht ist, daß du es nicht in deiner Tasche hast, daß du nicht drüber verfügen kannst. Es will gesucht sein. Wer aber sucht, der findet. Wo soll er suchen? Wo Christus ist, da soll er es suchen. Also bei und von Christo, der zur Rechten des Vaters ist, und der gesagt hat: „Fürchte dich nicht, Ich habe dich erkauft, Ich bewahre dich auch“, und: „Ohne Mich könnet ihr nichts tun“. Und von dem es gilt: „In Ihm seid ihr vollkommen“, und in Seiner Fülle finden wir, wo wir suchen, Gnade vor, Gnade nach. Es eröffnet also der Apostel hier eine ganze Fülle von Herrlichkeit für die Suchenden. Diese Dinge aber, meine Geliebten, können uns nicht gefallen, so lange wir nicht hören auf des Apostels Wort. Sonst scheinen uns Friede, Freude, Gerechtigkeit, Demut, Geduld, Sanftmut, Gütigkeit, Glaube, Keuschheit unerträgliche Dinge zu sein, die wir lieber von uns wegwerfen. Wir bekümmern uns nicht um sie. Wenn aber der treue Heiland kommt und beginnt am Herzen zu arbeiten, dann kommt es anders, dann beginnt die Not, und da wollen wir dann nicht vergessen, daß nicht Paulus es ist, der gesagt hat: „Suchet!“ sondern es ist der Heilige Geist, welcher es sagt, und Er treibt dann auch, daß gesucht wird. Dieser Geist straft einen darüber, daß kein Friede da ist, daß man voll Unkeuschheit ist, daß man barsch und unfreundlich ist, daß man keine Geduld hat mit der Schwachheit der Menschen und keine Geduld unter Gottes Führung und Kreuz. Aber dabei läßt der Heilige Geist es nicht bewenden, sondern Er stachelt an: „Du siehst, daß du das alles nicht hast; mache, daß du es bekommst! Suche, wo es zu finden ist!“ Und wo der Geist also stachelt, da sucht man denn auch. Das ist denn eine Arbeit, die nie ausgeht. Jeden Tag muß man essen und trinken, sonst stirbt man; und so muß man jeden Tag aufs neue ermahnt und gestachelt werden, um am Suchen zu bleiben.

Darum hebt der Apostel aufs neue an: „Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, daß auf Erden ist“. „Trachtet danach!“ wie der Herr Jesus auch sagt: „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und Seiner Gerechtigkeit“, – alles andere kriegt ihr noch obendrein in den Kauf. Aber das sei das Erste: „Trachtet nach dem Reiche Gottes und Seiner Gerechtigkeit!“ Das sei dein erstes Anliegen: was im Himmel ist! Was dann auf Erden ist, was dir not tut, was der Mensch haben muß, das wirst du väterlich bekommen, denn des Herrn Güte währet ewiglich. Aber lasse nicht ab von dem, was droben ist, was im Himmel ist.

Um dies aber gut zu verstehen, tut es dem Menschen not, daß er wirklich für sich selbst aus seinem großen Tode in das Leben Christi hinübergegangen ist. Christlich sein, christlich denken, gläubig sein, – das ist alles gut, es ist aber nichts, wo das nicht vorhanden ist, daß man aus seinem Tode hinübergegangen ist in das Leben Christi, in das Leben der Gnade, indem man für seine eigene Seele gefunden hat einen gnädigen Gott und versöhnten Vater. Wo dies nicht da ist, da ist auch das Trachten nicht vorhanden. Da hört man, liest man, da kann man es auslegen, und Kommentare darüber schreiben, und versteht doch nichts davon. Wo aber Heiliger Geist ist, da stachelt Er an.

Wenn die Kolosser aus sich selbst gesucht hätten, was droben ist, so hätte der Apostel nicht nötig gehabt, in dieser Weise an sie zu schreiben. Aber eben den Kolossern, obschon er sie nennt „Heilige und gläubige Brüder in Christo“, obschon er zu ihnen mit der Predigt kommt: „Ihr seid mit Christo auferstanden“, – hält er es vor: „Ihr suchet, was hienieden ist; ihr trachtet nach dem, was hienieden ist, aber trachtet doch nach dem, was droben ist“. Ist es denn so was Liebliches, zwischen Gräbern zu wandeln unter Totengebein? Ich will euch aber sagen, was lieblich ist: ein Garten mit duftenden Blumen und edlen Früchten, mit Springbrunnen und kühlendem, frischem Quellwasser, bei schönem blauen Himmel, und einen Teppich unter den Füßen von Moos und sanftem Gras. Kennet ihr einen solchen Garten? Diesen Garten haben wir im Hohenlied. Da seht ihr, wo die Braut lebt; sie lebt in einem Garten, in einem noch ganz andern Garten, als das verlorene Paradies war. In diesem Garten ist auch der Bräutigam, und sie lobt ihren Bräutigam und ist erfüllt von den edlen Früchten des Gartens. Sie hat aber den Bräutigam nicht immer bei sich, sie hat Ihn wohl mal empfangen wollen, hat Ihn auch etwa gesucht, aber nicht finden können, ja, noch Schläge obendrein bekommen, als sie aus dem Garten in die Stadt kam. „Suchet, was droben ist, da Christus ist! Trachtet nach dem, das droben ist!“ Das ist alles gleich dem Garten im Hohenliede. Ach, wenn man keinen Frieden hat, den Frieden nicht finden kann und zu Gott schreit: „Wann kommt Dein Friede?“ – ist man da ein Kind, so wird man gestachelt, um zu trachten nach dem, was droben ist, auf daß man Frieden bekomme in Christo, dem Bräutigam. Ein Kind Gottes möchte so gerne Geduld haben, das Kreuz zu tragen, namentlich das inwendige Kreuz, loszukommen von den Sünden, wie der Dichter schreit: „Denke nicht mehr meiner Sünde“ – und das nicht allein, sondern auch: „Entbinde mich von ihrer Wut!“ Ein Kind Gottes fühlt diese Wut; es möchte darüber ungeduldig werden und ganz verzweifelt unter solchem Elend und Geschmeiß, das fortwährend um uns herumfliegt! Ach, ein Kind Gottes möchte glauben, möchte Glauben halten, und wie oft ist alle Zuversicht weg! Was sagt nun der Geist? „Suchet was droben ist, da Christus ist! Trachtet nach dem, das droben ist!“

Der Apostel gibt weiter die Ursache an, warum er das sagt, indem er fortfährt: „Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott“; das ist: „Ihr seid tot für die Dinge, welche hienieden sind, nicht durch euer Verdienst oder durch mystische Gedanken, nein, wirklich vor Gott. Er, Christus, hat euch so tot dafür gemacht, daß ihr nichts mehr damit tun könnt, wie ein Jüngling nicht mehr spielen kann mit seinen Kindersachen; das geht nicht mehr. So lange ich ein Weltkind bin, so lange ich blind bin, so lange kann ich Freude haben an Unkeuschheit, an Ungeduld, an Unfreundlichkeit; bin ich aber durch Gottes Gnade arretiert worden, so hat die Gnade mich tot gemacht, so daß ich lauter Verdruß habe an Unglaube, Ungeduld, Unkeuschheit, Unfreundlichkeit, und gestachelt werde, um mich so zu benehmen, daß ich die Früchte genieße in dem herrlichen Garten und mit dem Bräutigam die edlen balsamischen Düfte einatme der Lilien und Granatäpfel. Ihr seid gestorben, und euer Leben, das ist alles droben in Christo bei dem Vater, in Seinem Schrank. Dort steckt euer Leben. Hier aber gilt es: standhalten, suchen und wieder suchen. Das Offenbarliche davon, ja, dessen ist nicht viel hienieden. Ich sage: das Offenbarliche davon. Denn wird ein Kind Gottes auch einmal erquickt durch die Liebe des Herrn Jesu, so kann es hernach siebenmal wieder angefochten werden vom Teufel. So ist dieses Leben. Wenn du suchst, gewiß, du wirst es finden, aber das Ganze davon, das Vollkommene wirst du nicht finden; das ist mit Christo verborgen in Gott, und da bleibt es, bis Christus offenbar werden wird, bis Er vom Himmel kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. Dann wird euer Leben mit Ihm offenbar werden in Herrlichkeit“. In Herrlichkeit? Ja! hienieden ist es Stückwerk. Das Kind Gottes, wenn es auch, was es sucht, gefunden hat, so kann es dies noch nicht mal zeigen, denn dann ist es meist noch so in ein schmutziges Papier eingewickelt, daß die Herrlichkeit des Dinges nicht gesehen wird. Ein Kind Gottes sucht Geduld und findet Geduld und ist geduldig, und bekommt etwas Trost davon, indem es an der eigenen Seele gewahr wird, daß Trübsal Geduld bringt, die Geduld aber Erfahrung, die Erfahrung aber Hoffnung, – aber bald ist es auf ein Mal wieder fort, du kannst nichts davon aufweisen. So kommt denn der Apostel mit dem Troste, daß, wenn man sucht, was droben ist, so wird man finden, und zwar so viel finden, als hier einem Menschen not tut, um mit Gott und dem Nächsten in Frieden zu leben, um von Gott mit aller Zuversicht alles Gute zu erwarten und auf Ihn zu hoffen, daß Er es wohl machen werde. Und wenn ein Kind Gottes Glauben sucht, so läßt Gott es dort oben in Christo den Gegenstand des Glaubens finden.

Der Apostel hält den Kolossern nun aber weiter vor, daß sie zwar mit Christo auferstanden sind, – nicht in eigener Macht, sondern mit Christo, – und das werde einst offenbar werden in Herrlichkeit, wo sie sich halten an den ganzen Christum; aber das sollten sie doch nicht vergessen: sie, die mit Christo auferstanden sind und dort oben ihr Leben haben, haben hienieden doch noch gewisse Glieder. Nun kann ein Arzt wohl jemanden beim Leben erhalten und erklären, daß er gesund sei, aber es behält derselbe doch etwa ein dürres Glied am Leibe und muß es behalten bis ans Ende. Es sind so Überbleibsel des Todes da, und diese Überbleibsel nennt der Apostel Glieder. – Der Apostel hatte Christen vor sich, Leute, welche zum Glauben gekommen waren, und da betrachtet er sie denn alle zusammen, wie ich euch, wenn ich euch überblicke, auch nicht anders betrachten kann, denn als einen Menschen. Da habt ihr nun allerlei Glieder. Wie nennt der Apostel diese Glieder? Nennt er sie Augen, Nase, Mund, Hände, Füße? Nein, er nennt diese Glieder: Hurerei, Unreinigkeit, schändliche Brunst, böse Lust, Geiz, Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte, Lügen. Bist du nun kein Kind Gottes, dann tröstest du dich leicht damit, daß du denkst: ich bin ein Kind Gottes und habe Vergebung der Sünden, und du bekümmerst dich nicht um diese Glieder, sondern hilfst dir mit deiner Schwachheit und Ohnmacht, aber lässest diese Glieder in Ruhe. Ein Kind Gottes aber bekennt vor Gott und fühlt es tief im Innersten: Ja, das sind meine Glieder, welche ich auf Erden habe, und um derer willen der Heilige Geist mich ermahnt, daß ich suchen soll, was droben ist, auf daß ich Gerechtigkeit finde! Nun sagt hier die Übersetzung: „So tötet nun eure Glieder“; das Griechische aber sagt: „Habt sie getötet!“ das ist, sehet eure Glieder an als tote; quälet euch nicht, um mit eigener Kraft ein Stück davon abzuschneiden; quälet euch nicht mit mystischen und mönchischen Gedanken, – das hilft alles nichts, – vielmehr die Zuflucht genommen zu dem, was droben ist, wo Christus ist! Dann wird es mit diesen Gliedern gehen, wie mit den Blättern im Herbst, sie werden allmählich dürr, fallen allmählich ab und werden zertreten. Also tötet diese Glieder, gebt ihnen nicht Nahrung, laßt sie hinsterben. – Nochmals also: in deiner Not, in deinem Elend bleibe du am Suchen, und zwar suche es da, wo es zu finden ist. Und zwar, was sollst du suchen? Glaube, Zuversicht, ein Zuflucht nehmen zu dem Herrn, festzuhalten an des Herrn Wort, den Herrn vor Augen zu halten, bei Ihm anzuhalten um Gnade und Erbarmen. Hin zu dem rechten Arzt, wie oft du auch fällst, vor Ihm nicht geheuchelt, sondern Ihm alles bekannt, – dann sterben diese Glieder allmählich ab. Es sind aber deren viele und scheußliche, und es ist ein kurzes Leben hienieden, und doch ist es hinwiederum ein ziemlich langes Leben, daß wir mit unserer bösen Art zu streiten haben. Das ist ein harter und schwerer Streit. Und doch hat es hinwiederum auch seine gar lustige Seite, zu suchen was droben ist; denn daselbst sind Reichtümer, worin keine Schmerzen sind. Amen.

Quelle: Licht-und-Recht.de
Schriftauslegungen (11. Heft) 2. Mose 20,17
Zwei Predigten über Kolosser 3,1-10 – 1. Predigt
Datum: Gehalten am 12. April 1874, vormittags

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Ein Kommentar zu „H. F. Kohlbrügge: Suchet was droben ist!

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