Karsten Ernst: Wie sollen wir das Evangelium verkündigen?

I. Vorwort

Grundlage dieser kleinen Schrift ist ein Vortrag, den ich 1997 auf der Ostfahrer-Tagung in Nonnenmiss (im Schwarzwald) gehalten habe. Diese Schrift ist in der Tat nicht viel mehr als ein kirchengeschichtlicher Abriss. Vieles in diesem Vortrag ist daher nur angedeutet, und manches konnte nur sehr knapp angesprochen werden. Wer eine umfassende kirchengeschichtliche Studie zum Thema Wie sollen wir das Evangelium verkündigen? erwartet, wird von dieser Schrift sicherlich enttäuscht sein. Es werden nur ganz grundlegende Entwicklungen in der Gemeinde Jesu aufgezeigt, die uns helfen sollen, manches, was wir heute erleben, besser einzuordnen. Hoffentlich nehmen freikirchliche Leser keinen Anstoß daran, dass ich den kirchengeschichtlichen Abriss mit Luther beginne. Luther scheint vielen schon deswegen verdächtig zu sein, weil er eine freikirchliche Verfassung der Kirche ablehnte, die Wiedertäufer bekämpfte und sehr unfreundlich über die Juden sprach. Obwohl ich selber freikirchlich bin und manche Ansichten von Luther nicht teile, so kann ich doch nicht umhin, ihm meinen tiefen Respekt zu bezeugen. Ähnliches tat Spurgeon mit Calvin. Es wird nämlich allzu oft übersehen, aus welcher geistlichen Finsternis Luther die Gemeinde Jesu herausgeführt hat, wie er dem Worte Gottes wieder Geltung verschafft hat und wie durch ihn das Evangelium von der Gnade Gottes wieder in den Mittelpunkt der Verkündigung gerückt wurde. Der Genfer Reformator Calvin vergleicht ihn daher zu Recht mit einem „Erstling unter den Knechten Christi, dem wir alle viel schulden“. Und in einem Brief an Bullinger schreibt Calvin trefflich: „Selbst wenn er mich einen Teufel schelten sollte, so würde ich ihn dennoch für einen erlesenen Gottesmann halten, der freilich auch unter großen Fehlern leidet, wie er an herrlichen Tugenden reich ist.“ Ich hoffe, dass diese Schrift etliche anregt, erneut oder zum ersten Mal, in der Heiligen Schrift und in der Kirchengeschichte zu forschen und zu fragen: Wie sollen wir das Evangelium verkündigen?

Filderstadt, den 20. Juni 1997
Dr. theol. Karsten Ernst

II. Biblische Hinführung

Wir wollen uns hier mit der Frage beschäftigen, welches Evangelium wir verkündigen – und wie wir es verkündigen – und welche Antworten wir in der Kirchengeschichte zu dieser Frage finden. Doch zunächst lesen wir 1.Kor 7,23. Paulus redet in diesem Abschnitt davon, dass jeder in dem Stand bleiben soll, in dem Gott ihn berufen hat, und sagt dann: „Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte.“ Schon ein Kapitel vorher hatte er, wo es um ein anderes Problem ging, den gleichen Ausdruck gebraucht. In 1.Kor 6,20 hob er hervor, dass wir teuer erkauft sind, um dann daraus den Schluss zu ziehen: „…darum so preiset Gott an (bzw. mit) eurem Leibe.“ Paulus möchte also – dies zeigen die beiden Verse ganz deutlich –, dass unser Denken und Handeln auf eine ganz bestimmte Art und Weise geprägt sein soll: Wir sind teuer erkauft, darum handelt so und so. Geht mit eurem Leibe und mit eurem Stand in rechter Weise um: Der eine ist frei, der andere ist Sklave. So oder so, ihr seid teuer erkauft, darum werdet nicht der Menschen Knechte!

Es war eine Warnung, die die Korinther sehr nötig hatten, denn am Ende des 2. Korintherbriefes stellt Paulus fest: „Ihr ertragt es, wenn euch jemand knechtet, wenn euch jemand ausnützt, wenn euch jemand gefangennimmt, wenn euch jemand erniedrigt, wenn euch jemand ins Gesicht schlägt.“ (2.Kor 11,20)

Das Denken war nicht richtig geprägt, und aus dem falschen Denken folgte ein falsches Handeln. Daher die wiederholte Ermahnung des Apostels: „Werdet nicht der Menschen Knechte! Lasst euch nicht von Menschen in Beschlag nehmen, die euch auf falsche Wege führen.“ Nun: was ist ein Knecht? Was kennzeichnet einen Knecht Christi und was kennzeichnet einen Menschenknecht? Wir können das Wort Knecht ganz einfach definieren: Ich bin ein Knecht, wenn ich mit meinem Denken, Wollen und Fühlen vollkommen abhängig von jemand bin.

Paulus ist ein Knecht Jesu Christi, weil er sagt: „Ich bin vollkommen abhängig von meinem Herrn, in allem. Mein Wollen, Fühlen, Denken und Handeln hängt ganz von meinem Herrn ab.“ Ein Menschenknecht wäre dagegen jemand, der nicht von Jesus abhängig ist, sondern von Menschen. Sind wir Knechte von Menschen oder sind wir Knechte Jesu Christi? Sind wir abhängig von Menschen? Geben sie uns vor, was wir denken, fühlen, was wir wollen oder tun sollen? Oder gibt uns Jesus vor, was und wie wir denken, fühlen und wollen?

Wir könnten viele, sehr viele Bereiche unseres Lebens durchgehen, und uns dabei diese einfache Frage stellen: Bin ich ein Knecht von Menschen oder ein Knecht Jesu Christi? Ich möchte aber nur einen Bereich herausgreifen, der für das Leben der Gemeinde Jesu von zentraler Bedeutung ist, nämlich den Bereich der Verkündigung des Evangeliums. Und hier wollen wir uns fragen: Sind wir Knechte von Menschen oder sind wir Knechte Jesu Christi?

Paulus sagt im Galaterbrief: „Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott zuliebe? Oder suche ich Menschen gefällig zu sein? Wenn ich noch Menschen gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht.“ (Gal 1,10) „Was tue ich denn?“ fragt Paulus die Galater. „Versuche ich, Menschen zu gefallen? Wenn ich das täte, dann wäre ich eigentlich nicht an dem Platz, wo ich sein sollte. Ich hätte meinen Beruf als Apostel und Lehrer des Evangeliums verfehlt.“ Paulus achtet also darauf, dass er nicht Menschen zu Gefallen predigt, und zwar in zweifacher Hinsicht:

  1. in dem, was er predigt und verkündigt In Galater 1,11 schreibt er: „Denn ich tue euch kund, liebe Brüder, dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht von menschlicher Art ist“, d.h. „Ich bringe euch nicht eine Botschaft, die menschlich ist.“ Es ist eine Botschaft, von der er sagt – und das ist das Thema des Galaterbriefes –, dass sie unter keinen Umständen geändert werden darf. Es ist ein Evangelium, das unabänderlich durch die Jahrhunderte hindurch bestehen bleiben muss.
  2. in dem, wie er das Evangelium verkündigt

Er achtete nicht nur darauf, dass das Richtige gesagt wurde, sondern auch, dass es in der richtigen Art und Weise gesagt wurde. Den Thessalonichern bezeugt er:
„Denn wir sind nie mit Schmeichelworten umgegangen, wie ihr wisst, noch mit versteckter Habsucht – Gott ist Zeuge.“ (1.Thess 2,5) Oder gegenüber den Korinthern hebt er hervor: „sondern wir meiden schändliche Heimlichkeit und gehen nicht mit List um, fälschen auch nicht Gottes Wort, sondern durch Offenbarung der Wahrheit empfehlen wir uns dem Gewissen aller Menschen vor Gott“ (2.Kor 4,2). Wir meiden schändliche Heimlichkeit – Warum? Warum verkündigte Paulus das Evangelium so, wie er es verkündigte?
Nun, zwei Dinge bestimmten den Apostel:
1. Paulus war der Überzeugung, dass es Gott gefällt, durch die Torheit der Predigt Menschen zum Glauben zu rufen, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben: „Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.“ (1.Kor 1,21) Oder im Römerbrief heißt es: „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.“ (Röm 10,17)
2. Paulus war der Überzeugung, dass die Verkündigung in Erweisung des Geistes und der Kraft geschehen muss: „Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.“ (1.Kor 2,3–5) Gott selber muss durch die Predigt wirken, damit die Predigt wirksam werden kann. Wenn wir uns Paulus und seinen Dienst anschauen, so müssen wir uns in unseren Tagen zwei Fragen stellen:

  1. Wissen wir eigentlich noch wie Paulus, was wir zu verkündigen haben?
  2. Wissen wir wie Paulus, wie wir es zu verkündigen haben?

Zur ersten Frage: Wir wollen evangelisieren, missionieren – aber was wollen wir eigentlich vermitteln? Vor ein paar Jahren war ich auf einer Evangelisation. Eine Frau hielt die Predigt. Während der Predigt gab es eine Unterbrechung. Während dieser Pause sollte man sich am Tisch über das bisher Gesagte unterhalten. Ein älterer Mann versuchte, mit mir und meinem Freund ins Gespräch zu kommen. Ich stellte diesem Mann im Laufe des Gesprächs folgende Frage: „Die Botschaft, wie wir sie gerade von vorne gehört haben, ist dies eigentlich die Botschaft, die wir aus der Schrift kennen?“ Ich nannte ihm einige Bibelstellen und versuchte es zu erläutern: „Schauen Sie, diese Predigt war doch sehr einseitig: Es wurde nur von der Liebe Gottes geredet. Aber kann man von der Liebe Gottes reden, wenn man nicht vorher deutlich auf den Zorn Gottes hinweist und darauf, was es heißt, Sünder zu sein?“ Ich bekam daraufhin eine Antwort, die mich tief erschütterte. Der Mann sagte: „Ja wissen Sie, so genau kenne ich mich mit der Schrift auch nicht aus!“ Da war ein Mann: Er wollte auf einer Evangelisation helfen, er wollte mitevangelisieren. Doch schon bei der ersten Rückfrage musste er zugeben: „Ich kenne mich in der Schrift nicht aus!“ – Was verkündigen wir? Was für eine Botschaft haben wir? – Wie viele Menschen überlegen sich in der Gemeinde heute: Mit wem kann ich auf Evangelisationen zusammenarbeiten? Macht es etwas aus, wenn ein katholischer Priester dabei ist? Wo sind die Grenzen? Zur zweiten Frage: Wissen wir als Gemeinde noch, warum wir das Evangelium so verkündigen, wie wir es verkündigen? Haben wir uns darüber Gedanken gemacht? Eine Vielzahl von Ideen überflutet den „Markt der Möglichkeiten“ in der Gemeinde Jesu. Wie wichtig ist es da, dass wir diese beiden Fragen klären können: Weißt du, was du verkündigst, und weißt du, warum du es so und nicht anders verkündigst? Wir sind ja heute so orientierungslos geworden: Wir haben heute eine Vielzahl von Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen. Aber es ist die Frage, ob sie uns dahin bringen, wo sie uns hinbringen sollten, und ob sie uns auf dem Weg halten, den uns der Herr durch das Neue Testament vorgezeichnet hat!
Nun, wir wollen bei der Beantwortung dieser Fragen einen Blick in die Kirchengeschichte werfen, und zwar aus zwei Gründen:

  1. Sie hilft uns zu verstehen, warum wir als Gemeinde Jesu so sind, wie wir sind!
  2. Sie hilft uns zu sehen, wie gesegnete Männer Gottes diese Fragen beantworteten.

Den ganzen Vortrag als Download im PDF Format: Karsten Ernst – Wie sollen wir das Evangelium verkuendigen

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