H. F. Kohlbrügge: Der Herr ist mein Teil!

Eine Predigt von Hermann Friedrich Kohlbrügge über die Zuversicht eines Christen.

Ein kurzer Auszug:

Ich meinte, urteilen zu können über Glück und Unglück, aber wie war ich doch unwissend vor Dir, wie ein junges Kalb, das man nicht über den Weg bringen kann. Und dennoch, Gott, was sehe ich! Wie groß ist Dein Erbarmen! Das hast Du mir alles gezeigt, hast gesehen meinen Unverstand, dass ich wie ein Tier war vor Dir, und Du hast mich nicht in die Hölle geschleudert, sondern hältst mich fest, lehrest mich und hast Geduld mit mir und deckst mir auf den Weg des einen und des andern. Ich muss Dir recht geben in Deinen Worten, ich erkenne Deine Gnade und Treue; darum bleibe ich bei Dir, stets an Dir; denn wäre es nicht Dein ewiges Erbarmen, ich wäre dahingegangen und wäre ein Spielball der Welt und eine Beute des Teufels geworden in meinem Unverstand. Du hältst mich fest, – das erkenne ich jetzt, – bei Deiner rechten Hand. Du leitest mich nach Deinem, – nicht nach meinem Rat, und endlich, ja endlich, wenn alle andern beschämt auskommen werden, wirst Du mich annehmen mit Ehren! Darum, da hast Du Weg und Herz, da hast Du Glück und Unglück, Gegenwart und Zukunft, alle meine Erwartungen! Wenn ich nur Dich habe, was frage ich dann nach Glück und Unglück, nach Gut und Böse, was nach Himmel, was nach Erde, dass der Teufel mich wieder damit berücken sollte? Habe ich Dich, so habe ich alle Glückseligkeit, alle Ehre, Reichtum, Durchkommen durch Schmerz und Leid! Mein Leib und meine Seele mögen verschmachten, es geht mich nichts an, Du bist doch allezeit der Trost meines Herzens.

Wenn die Eltern unverständig sind, so hören sie auf das Schreien und Verlangen des Kindes; sind sie aber verständig, so nehmen sie es in Zucht und lassen ihm den Willen nicht. Das tut Gott auch nicht. Er lässt die Seinigen eine Weile lästern, aber sind sie begnadigt mit der Heiligung des Geistes, so mögen noch so viel solcher unreinen Gedanken aufkommen in dem Herzen, der Geist wird ihnen keine Ruhe lassen, sondern sie fragen: „Willst du ein Geselle des Teufels sein, oder derer, die Gott fürchten?“ – Da wird man denn stille und doch nicht stille; denn die Vernunft ruht nicht, Fleisch und Blut wollen nicht schweigen; da leitet denn aber der Geist ins Heiligtum hinein und lehrt uns auch wohl durch die tägliche Erfahrung, wenn wir nur Augen dafür hätten und ein dankbares Herz, was das Ende der Welt ist. Da gibt denn aber eben dieser Psalm Trost, wo wir uns also fühlen und befinden, dass es uns im Herzen wehe tut und in den Nieren sticht, dass wir uns demütigen vor Gott: Er wolle die unreinen Gedanken hinwegnehmen, auf dass wir als rechte Kriegsknechte unsers Königs in Seinen Befehlen bleiben. Da kommt denn Gott und demütigt uns, dass wir uns wahrhaftig demütigen und bekennen, wir seien wie Narren und wissen nichts, wie ein Tier vor ihm, ein dummes Tier, womit man nichts anfangen kann; – man will es über einen Weg haben, es fährt aber mit seinem Kopf bald hierhin, bald dorthin. Da kommt dann aber das Bekenntnis: „Mein Gott, was wäre aus mir geworden, wenn Du mir meinen Weg gelassen, mir meinen Willen gegeben hättest! Was Du mir zugeteilt hattest, das war herrlich, das war köstlich, aber beinahe hätte der Teufel es mir aus der Hand gezaubert; und was er mir dafür vorhielt, war wertloses Glas. Und ich stand da und dachte, es sei kein Unterschied zwischen den Gottlosen und Frommen, zwischen den Gerechten und Ungerechten; da kamst Du aber in Deiner Erbarmung dazwischen und ließest mich hineingehen in Deine Herrlichkeit. Jetzt bekenne ich: ich bleibe stets an Dir! Ja, es ist ewige Liebe und Erbarmung, dass Du mich hältst an Deiner Rechten; ja, Du leitest mich nach Deinem Rat!“

So es ist denn Gottes Rat, dass Er die Seinen selig machen will, dass Er die Seinen dauerhaft glücklich haben will, dass Er den Seinen will Ruhe und Frieden verschaffen, sie in aller Gottseligkeit halten, welche ja die Verheißung hat dieses und jenes Lebens, dass sie also zufrieden seien, glücklich und froh ihren Weg weiter ziehen, bei aller Trübsal, welche die Welt und die Frommen trifft, geduldig seien, und also gehalten und von oben getragen werden auf den Fittichen des Psalms, des Lobes des Allmächtigen, des starken Gottes Jakobs, und bei allem Widerspiel die Zuflucht nehmen zu Ihm und das Herz ausschütten vor Dem, der gesagt: „Rufe Mich an in der Zeit der Not, so will Ich dich erhören, und du sollst Mich preisen“. Es ist also Gottes Rat, dass Seine Weisheit, Treue, Güte recht von uns erkannt, gepriesen und genossen werde. Es ist Gottes Rat, so wir trachten nach dem Königreiche Gottes, uns alles Irdische noch obendrein zuzuwerfen, – wenn auch Gott mitunter einen Tod schickt, der ein Tod ist für die Augenlust, die Fleischeslust und das hoffärtige Wesen, das nicht vom Vater ist, sondern aus dem Argen.

Die ganze Predigt:

Psalm 73

    Ein Psalm Asaphs.
    Nur gut ist Gott gegen Israel, gegen die, welche reinen Herzens sind.
    Ich aber — fast wäre ich gestrauchelt mit meinen Füßen, wie leicht hätte ich einen Fehltritt getan!
    Denn ich beneidete die Übermütigen, als ich das Wohlergehen der Gottlosen sah.
    Denn sie leiden keine Qual bis zu ihrem Tod, und ihr Leib ist wohlgenährt.
    Sie leben nicht in der Not der Sterblichen und sind nicht geplagt wie andere Menschen.
    Darum ist Hochmut ihr Halsschmuck, und Gewalttat ist das Gewand, das sie umhüllt.
    Ihr Gesicht strotzt von Fett; sie bilden sich sehr viel ein.
    Sie höhnen und reden boshaft von Bedrückung, hochfahrend reden sie.
    Sie reden, als käme es vom Himmel; was sie sagen, muss gelten auf Erden.
    Darum wendet sich auch sein Volk ihnen zu, und es wird von ihnen viel Wasser aufgesogen.
    Und sie sagen: »Wie sollte Gott es wissen? Hat denn der Höchste Kenntnis davon?«
    Siehe, das sind die Gottlosen; denen geht es immer gut, und sie werden reich!
    Ganz umsonst habe ich mein Herz rein erhalten und meine Hände in Unschuld gewaschen; denn ich bin doch den ganzen Tag geplagt worden, und meine Züchtigung war jeden Morgen da!
    Wenn ich gesagt hätte: »Ich will ebenso reden!« — siehe, so hätte ich treulos gehandelt am Geschlecht deiner Söhne.
    So sann ich denn nach, um dies zu verstehen;
    aber es war vergebliche Mühe in meinen Augen — bis ich in das Heiligtum Gottes ging und auf ihr Ende achtgab.
    Fürwahr, du stellst sie auf schlüpfrigen Boden; du lässt sie fallen, dass sie in Trümmer sinken.
    Wie sind sie so plötzlich verwüstet worden!
    Sie sind untergegangen und haben ein Ende mit Schrecken genommen.
    Wie man einen Traum nach dem Erwachen verschmäht, so wirst du, o Herr, wenn du dich aufmachst, ihr Bild verschmähen.
    Als mein Herz verbittert war und ich in meinen Nieren das Stechen fühlte, da war ich töricht und verstand nichts; ich verhielt mich wie ein Vieh gegen dich.
    Und dennoch bleibe ich stets bei dir; du hältst mich bei meiner rechten Hand.
    Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich danach in Herrlichkeit auf!
    Wen habe ich im Himmel [außer dir]?
    Und neben dir begehre ich nichts auf Erden!
    Wenn mir auch Leib und Seele vergehen, so bleibt doch Gott ewiglich meines Herzens Fels und mein Teil.
    Denn siehe, die fern von dir sind, gehen ins Verderben; du vertilgst alle, die dir hurerisch die Treue brechen.
    Mir aber ist die Nähe Gottes köstlich; ich habe Gott, den Herrn, zu meiner Zuflucht gemacht, um alle deine Werke zu verkünden.

Wir haben alle Ursache, Gott Dank zu sagen für Seine grundlose Barmherzigkeit und Gnade, dass Er uns allezeit so wunderbar leitet, dass wir doch am Ende zufrieden gemacht werden mit allen Seinen Wegen, und wir müssen bekennen, dass bei uns nichts übrigbleibt und geblieben ist als Beschämung des Angesichtes und Lob Seines Namens.

Asaph, der Prophet, war mal des Ruhmes vergessen, den er an Gott hatte, und hatte nur Augen für den Ruhm derer, die von Gott gewichen waren, und für ihren Wohlstand. Für sich meinte er nur Gefahr allerlei Todes zu erblicken. Der Wohlstand der Gottlosen schien ihm fest wie ein Palast. Für sich sah er nur Unglück und Plage, Jammer und Elend, – und dagegen: dass der Trotz und Frevel der Weltkinder gelang, und dass sie des Tags ausführten und darstellten, was ihnen in der Nacht einfiel. Ehre erblickte er nur bei der Welt; aber die Ehre, die er bei Gott hatte und die er ererben würde, sah er nicht. Vereinsamt schien er einherzugehen, und er sah, wie die Welt und ihr Pöbel so zahlreich war. – Das verdross ihn; das kam nicht überein mit den Worten und Verheißungen Gottes. Da setzte ihm denn der Teufel so gefärbte Gläser vor die Augen, durch welche er die Welt in der Bezauberung des Teufels erblickte. Da erschien ihm denn alles, was in der Welt war, mächtig und groß; was aber bei Gott war, das wurde ihm klein und nichtig. Es war ihm, als wäre sein Weg ein Weg durch Schmutz und Kot, und als wäre der Weg der Welt eben und anständig.

Bald hätte der Teufel ihn gehabt. Er stellte das Netz, um ihn zu fangen. Schier hätte er gestrauchelt mit seinen Füßen, beinahe hätten seine Tritte geglitten. Ist denn alles eitel? Ist es denn umsonst, dass man bei Gottes Gebot bleibt, dass man Gott fürchtet? „Das kannst du ja mit Augen sehen; es geht nicht also, wie du das Wort verstanden hast. Schau, welchen Ruhm und Glanz die Welt hat, aber bei dir ist jeden Morgen die Rute Gottes da, und täglich bist du geplagt! Höre auf und mache mit uns mit, und gehe den Weg, den wir gehen!“ – Verstand denn der Prophet nichts? Der Teufel hatte sein Herz erfüllt mit allerlei unreinen Gedanken, mit allerlei verkehrten Überlegungen, dass er beinahe das gute Wort Gottes drangegeben und seine Seele drüber verloren hätte. – „Ich hätte auch schier so gesagt, wie sie“ heißt es Vers 15; also war er nahe daran, alles aus der Hand zu werfen.

Da kommt aber der Herr, der die Seinen heiligt, der Heilige Geist, und hält ihm alle die Kinder Gottes vor, die von jeher gewesen sind. Mussten diese nicht alle zuvor leiden, um also in die Herrlichkeit einzugehen, mussten sie nicht alle erst den untersten Weg gehen, um erhöht zu werden? Willst du den Noah, den Abraham, den Isaak, den Jakob, den Moses, den David verdammen, dass sie aufgeschrien haben: „Gedenke unserer und all unserer Leiden!“ Hat denn Gott Sich nicht dieser aller angenommen in Barmherzigkeit, während Er sie durch sechs Trübsale ließ hindurchgehen? – Da musste er schweigen und bekennen: „Nein, dann wären diese alle nicht Kinder Gottes; so würde ich sie verdammen und Teufel und Welt recht geben, die sie geschmäht haben“.

Aber es wollte sein Verstand doch noch nicht stille halten. Er wollte nach dem augenblicklichen Verhältnis Weg und Weg gegen einander halten, und da musste er doch nach seinem Verstande dem Wege der Welt den Vorzug geben: – „Das sehe ich doch, aber das andere nicht!“ Da leitet ihn denn der Geist Gottes ins Heiligtum hinein, zu den Wundern und Taten des Allerhöchsten, in die Geschichtsbücher Moses und der Propheten. Was sieht er daselbst? „Mein Kind, da schaue an den Weg derer, deren Weg du lieber möchtest gegangen sein, wenn Ich dich nicht gehalten hätte. Ja, sie trotzen, sie prahlen und reden hoch her; was sie sagen, das soll gelten auf Erden, und du musst schweigen. Aber harre auf Mich; die Mich ehren, die will Ich auch ehren!“ – „Was sehe ich, mein Gott? Ja, ihr Weg ist zwar eben und anständig, ist herrlich und prächtig; aber Du, ja Du, Du hast sie hochkommen lassen; sie dürfen stolzieren, Du hast sie aber gesetzt auf das Schlüpfrige, und wenn sie gar hochgekommen sind, stürzest Du sie zu Boden. Wie werden sie so plötzlich zunichte! Sie gehen unter, die so hochstanden, und nehmen ein Ende, aber ob sie sich auch ein seliges Ende versprechen, so ist es doch ein Ende mit Schrecken!“ So schließt denn der Prophet zum Lobe Gottes: „Wie einer, der erwacht, so machst Du ihr Bildnis, das alle angebetet haben, also verschmäht, dass keiner es mehr ausheben will“.

Das war also das Ergebnis, als er in Gottes Heiligtum hineingegangen war und auf das Tun Gottes gemerkt hatte. Wiederum war für ihn das Ergebnis: „Gefallen sind sie, aber wir sind stehen geblieben! Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“ (Ps. 124,8). Ham und Kanaan, mit allen ihren Städten, sind gestürzt, dass kein Stein mehr auf dem andern ist, aber Sem lebt noch. Alle Völker, die dem Israel Gottes gram waren, sind aufgerieben, aber David lebt annoch. Und „Jakob habe Ich liebgehabt“, sagt der Herr, „Edom aber habe Ich gehasst“; und Jakob konnte sagen: „Ich habe es alles genug“; und David, der arme David, starb steinreich im Segen Gottes. Das alles sah er, nachdem ihm durch die Gnade des Geistes das falsche Glas von den Augen genommen war, so dass er nunmehr im wahren Lichte schaut, was die Frucht des Glaubens ist, die Frucht davon, dass man seine rechte Pflicht tut, dass man bleibt beim Worte Gottes.

So demütigt er sich denn von Herzen vor dem Herrn und spricht: „Aber es tut mir wehe im Herzen und sticht mich in meinen Nieren, dass ich muss ein Narr sein und nichts wissen, und muss wie ein Tier sein vor Dir“, – oder: „Meinem Herzen tat es wehe, und meine Nieren stachen mich; ich war ein Narr und wusste nichts, wie ein Tier war ich vor Dir“. So unrein machte ich mein Herz; so wenig war ich zufrieden mit Dir und den Reichtümern, die ich in Dir hatte, dass alle meine Begierden rege gemacht waren. Es stach mich in meinen Nieren. Ich meinte, urteilen zu können über Glück und Unglück, aber wie war ich doch unwissend vor Dir, wie ein junges Kalb, das man nicht über den Weg bringen kann. Und dennoch, Gott, was sehe ich! Wie groß ist Dein Erbarmen! Das hast Du mir alles gezeigt, hast gesehen meinen Unverstand, dass ich wie ein Tier war vor Dir, und Du hast mich nicht in die Hölle geschleudert, sondern hältst mich fest, lehrest mich und hast Geduld mit mir und deckst mir auf den Weg des einen und des andern. Ich muss Dir recht geben in Deinen Worten, ich erkenne Deine Gnade und Treue; darum bleibe ich bei Dir, stets an Dir; denn wäre es nicht Dein ewiges Erbarmen, ich wäre dahingegangen und wäre ein Spielball der Welt und eine Beute des Teufels geworden in meinem Unverstand. Du hältst mich fest, – das erkenne ich jetzt, – bei Deiner rechten Hand. Du leitest mich nach Deinem, – nicht nach meinem Rat, und endlich, ja endlich, wenn alle andern beschämt auskommen werden, wirst Du mich annehmen mit Ehren! Darum, da hast Du Weg und Herz, da hast Du Glück und Unglück, Gegenwart und Zukunft, alle meine Erwartungen! Wenn ich nur Dich habe, was frage ich dann nach Glück und Unglück, nach Gut und Böse, was nach Himmel, was nach Erde, dass der Teufel mich wieder damit berücken sollte? Habe ich Dich, so habe ich alle Glückseligkeit, alle Ehre, Reichtum, Durchkommen durch Schmerz und Leid! Mein Leib und meine Seele mögen verschmachten, es geht mich nichts an, Du bist doch allezeit der Trost meines Herzens. Das ist wahr! Oder was gäbe es für einen Trost bei allen denen, die ich beneidet habe? Nein, Du, Gott, bleibst allein meines Herzens Trost! Und o, was ist geworden aus all dem Gold und Silber, aus all der Herrlichkeit, Pracht und Macht der Wellkinder? Wie ist es auf einmal alles entschwunden und wie ein Licht ausgegangen! Wie reich bin ich dagegen, wenn ich Dich habe! Mit Dir habe ich ja Erde und Himmel zugleich! Es kann mir an keinem Guten mangeln, wenn ich nur Dich habe. Aber was ich ohne Dich wäre, das sehe ich an denen, die von Dir weichen, die den Bund der Gnade drangeben; ob sie noch so reich und fett werden, sie kommen alle um. Du bringst um alle, die wider Dich huren, die sich nicht allein an Dich und Dein Erbarmen halten.

So kenne ich denn von nun an nur eine Freude: – dass ich mich halte zu Gott. Packe dich hinweg, du Satan, mit allem dem, was du mir schenken möchtest, ich setze meine Zuversicht auf den Herrn, dass ich verkündige alles Sein Tun: – „wie Du, o Herr, da ich Dich verkannte und wider Dich murrte, doch Dich meiner in Gnaden angenommen hast; wie Du mich geführt hast gegen meinen Willen und am Ende dennoch nach meinem Willen; wie Du mich in Gnaden erlöst hast von dem Zauber, der mich gefangen hielt, und mich in all Dein Heil hineingesetzt hast. Ja, Du sollst allein allen Ruhm haben! –

Da habt ihr den 73. Psalm in kurzen Umrissen. Es möchte jemand fragen: „Hat denn der Prophet nicht Licht gehabt und nicht gewusst, wie Gottes Wege sind mit den Frommen und mit den Ungerechten?“ Was am Geiste wandelt, hat am Lichte nicht genug; es bedarf der Gnade. Ja, er hatte des Lichtes genug gehabt, aber der Teufel hatte ihn bezaubert und ihm alles genommen. Er musste es erst wiederbekommen. – So ist denn dieser Psalm da, um uns zu trösten gegen alle Sorgen, Anfechtungen und Ärgernissen, womit wir oft überfallen werden, auf dass wir trotz alledem dabeibleiben: „Israel hat dennoch Gott zum Trost!“ – dass wir die Lehre annehmen: Du bist hier nicht reines Herzens, sondern lässest dir durch den Teufel das Herz voll von unreinen Gedanken und Überlegungen machen, – auf dass wir uns also demütigen, in das Heiligtum Gottes gehen und daselbst Gottes Walten anerkennen. – Denn ob wir diesen Psalm auch schon hundertmal gelesen haben, so sollen wir doch nicht meinen, wir seien über solche Anfechtungen hinweg. Die heben immer wieder aufs Neue an. Der Teufel gehet umher wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er verschlinge; und weil wir nun einmal Fleisch und Blut an uns tragen, sehen wir stets nach dem Sichtbaren, auf das, was nur für den Augenblick da ist; wir sind mit dem, was Gott uns gibt, nicht zufrieden, wie die Kinder nicht zufrieden sind mit den Spielsachen, die ihnen die Eltern gegeben, sie wollen beständig was anderes, was neues haben. Wenn die Eltern unverständig sind, so hören sie auf das Schreien und Verlangen des Kindes; sind sie aber verständig, so nehmen sie es in Zucht und lassen ihm den Willen nicht. Das tut Gott auch nicht. Er lässt die Seinigen eine Weile lästern, aber sind sie begnadigt mit der Heiligung des Geistes, so mögen noch so viel solcher unreinen Gedanken aufkommen in dem Herzen, der Geist wird ihnen keine Ruhe lassen, sondern sie fragen: „Willst du ein Geselle des Teufels sein, oder derer, die Gott fürchten?“ – Da wird man denn stille und doch nicht stille; denn die Vernunft ruht nicht, Fleisch und Blut wollen nicht schweigen; da leitet denn aber der Geist ins Heiligtum hinein und lehrt uns auch wohl durch die tägliche Erfahrung, wenn wir nur Augen dafür hätten und ein dankbares Herz, was das Ende der Welt ist. Da gibt denn aber eben dieser Psalm Trost, wo wir uns also fühlen und befinden, dass es uns im Herzen wehe tut und in den Nieren sticht, dass wir uns demütigen vor Gott: Er wolle die unreinen Gedanken hinwegnehmen, auf dass wir als rechte Kriegsknechte unsers Königs in Seinen Befehlen bleiben. Da kommt denn Gott und demütigt uns, dass wir uns wahrhaftig demütigen und bekennen, wir seien wie Narren und wissen nichts, wie ein Tier vor ihm, ein dummes Tier, womit man nichts anfangen kann; – man will es über einen Weg haben, es fährt aber mit seinem Kopf bald hierhin, bald dorthin. Da kommt dann aber das Bekenntnis: „Mein Gott, was wäre aus mir geworden, wenn Du mir meinen Weg gelassen, mir meinen Willen gegeben hättest! Was Du mir zugeteilt hattest, das war herrlich, das war köstlich, aber beinahe hätte der Teufel es mir aus der Hand gezaubert; und was er mir dafür vorhielt, war wertloses Glas. Und ich stand da und dachte, es sei kein Unterschied zwischen den Gottlosen und Frommen, zwischen den Gerechten und Ungerechten; da kamst Du aber in Deiner Erbarmung dazwischen und ließest mich hineingehen in Deine Herrlichkeit. Jetzt bekenne ich: ich bleibe stets an Dir! Ja, es ist ewige Liebe und Erbarmung, dass Du mich hältst an Deiner Rechten; ja, Du leitest mich nach Deinem Rat!“

Was ist Gottes Rat? Teils ein verborgener: „Wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist Sein Ratgeber gewesen?“ spricht Paulus (Röm. 11,34). Teils ein geoffenbarter, dass wir bleiben bei Gottes Wort und Gebot und die gute Wahl tun: „Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott“.

Die verborgenen Dinge sind für den Herrn, die geoffenbarten Dinge sind für uns und unsere Kinder. Predige von den Gerechten, dass sie es gut haben; sie werden essen die Früchte ihrer Werke. So es ist denn Gottes Rat, dass Er die Seinen selig machen will, dass Er die Seinen dauerhaft glücklich haben will, dass Er den Seinen will Ruhe und Frieden verschaffen, sie in aller Gottseligkeit halten, welche ja die Verheißung hat dieses und jenes Lebens, dass sie also zufrieden seien, glücklich und froh ihren Weg weiter ziehen, bei aller Trübsal, welche die Welt und die Frommen trifft, geduldig seien, und also gehalten und von oben getragen werden auf den Fittichen des Psalms, des Lobes des Allmächtigen, des starken Gottes Jakobs, und bei allem Widerspiel die Zuflucht nehmen zu Ihm und das Herz ausschütten vor Dem, der gesagt: „Rufe Mich an in der Zeit der Not, so will Ich dich erhören, und du sollst Mich preisen“. Es ist also Gottes Rat, dass Seine Weisheit, Treue, Güte recht von uns erkannt, gepriesen und genossen werde. Es ist Gottes Rat, so wir trachten nach dem Königreiche Gottes, uns alles Irdische noch obendrein zuzuwerfen, – wenn auch Gott mitunter einen Tod schickt, der ein Tod ist für die Augenlust, die Fleischeslust und das hoffärtige Wesen, das nicht vom Vater ist, sondern aus dem Argen.

Nach diesem Rate leitet Gott die Seinen. O Wunder der Barmherzigkeit, wenn wir Seine Führung betrachten! Ja, alle, alle Menschenkinder sollen dem Rate Gottes dienen; das steht fest, die Gottlosen und die Frommen. Der Rat des Herrn besteht und richtet aus, was Ihm gefällt. So soll es denn wahr bleiben von allen Pharaonen: „Eben dazu habe Ich dich erweckt, um an dir, gerade an dir, Meine Macht zu beweisen in der Schwachheit Meines Wortes und Zeugnisses!“ Es soll wahr bleiben von Edom: „Ob du auch hoch machst deine Wohnung und sie auf Felsen baust, so will Ich dich dennoch hinunterstürzen!“ – So sollen denn der Pharaonen, die Edoms, die Joabs, die Adonias, – sie alle dem Rate Gottes dienen, aber nicht leitet sie Gott nach Seinem Rat. Denn das „Leiten“ hier ist das eines Hirten, wie Er die Schafe leitet und führet. Da muss das Schaf bekennen: „Ach, wie bin ich ein so dummes Schaf! Wie bin ich doch stets vom grünen Gras und von der guten Weide ab; gebe mich selbst immerdar beinahe dem Wolfe preis! Mein Gott, ich bekenne es vor Dir, wie verkehrt ich gewesen bin, dass ich mit neidischem Auge auf die Paläste sah und wieder auf meine arme Hütte; dass ich für Wohlstand und Herrlichkeit ansah, was nur des Teufels Schimmer und Flitter war, dass ich aber nicht beachtete das Glück, dass Du verheißen, und den gewissen Segen, der in Deiner Verheißung liegt. So quälte ich mich selbst, bis ich müde wurde, und da ich müde war, nahmest Du mich, dummes Tier, bandest mich mit den Seilen Deiner Liebe und legtest mich auf den Wagen Deines Heils, mich so heimzubringen. Da gabest Du mir dann Dich Selbst; und welch ein Gegensatz ist es: die Herrlichkeit der Welt und Du, Du Allgenugsamer! Das ist ein „Du“, das hoch über Himmel und Erde geht, dass die Himmel der Himmel nicht umfassen.

Wohl uns, wenn wir bei all unsern unreinen Gedanken uns dennoch leiten lassen von dem Geiste Gottes, dass wir sagen dürfen: „Israel hat dennoch Gott zum Trost, wer nur reines Herzens ist“, – und Gott alles, alles, Gegenwart und Zukunft, auf die Hand legen. Da bleibt denn der Wahlspruch: „Du leitest mich nach Deinem Rat!“ Amen.

Quelle: http://licht-und-recht.de Schriftauslegungen 11. Heft
Bearbeitung: TheologiaDE.blog

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