F. W. Krummacher: Der Weg des Heils

Eine Predigt von Friedrich-Wilhelm Krummacher über die Gnade der Offenbarung Gottes und der Zuversicht des Evangeliums.

Ein kurzer Auszug:

Siehe, ein Gottesstuhl taucht vor uns auf, nicht mehr in eitel Feuerflammen brennend, sondern vom Regenbogenglanz des Friedens überbreitet; mit Blut genetzt zwar seine Veste, aber nicht zum Wahrzeichen mehr eines drohenden Gerichts. An seinen Stufen, statt des alten: „Verflucht ist Jedermann, der nicht bleibt in Allem, das geschrieben steht im Buche des Gesetzes, dass er es tue,“ jetzt die süße Inschrift: „Selig sind, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden!“ Zu seiner Seite, statt des Schwertes und der richterlichen Waage, jetzt der Palmzweig und die weiße Flagge der Versöhnung. Kein Cherub mehr, der den Zugang bewache; freie Gasse jetzt, auch für den Schächer, auch für den Zöllner. Keine Schranke mehr, wie dort am Sinai, mit der Aufschrift: Fern, ihr Profanen! Eine offene Pforte jetzt, und drüber die Ladung: „Kommet her Mühselige und Beladene, und lasst euch erquicken!“

„Lasset uns, ruft der Apostel, mit Freudigkeit hinzutreten zu dem Gnadenthron!“ O, ich denke, Brüder, wir ergreifen des Apostels Hand, und rufen wie aus einem Munde: „Ja, ja, wir gehen mit dir!“ O wie viele Tausende haben vor diesem Thron schon ihre Knie gebeugt; wie viele Millionen sind aller ihrer Lasten für Zeit und Ewigkeit hier los und ledig worden. Und nicht Zöllner und arme Schächer drückten hier ihr Antlitz selig weinend in den Staub. Große Dichter legten hier ihre Harfen nieder, und wollten hinfort das Lied des Lammes nur singen. Weltberühmte Philosophen brachten ihre Lehrsysteme hierher, und übergaben sie den Opferflammen, freudig bekennend, dass die einzig wahre und Frieden bringende Philosophie in Christo ruhe. Gepriesene Gelehrte haben hier ihrem Gott gedankt, wieder zu Kindern geworden zu sein, um solcher Seligkeit mit teilhaftig zu werden. Lorbeergeschmückte Helden und Gewaltige der Erde haben hier ihre Kränze, Kronen und Diademe hingeworfen, und huldigend ausgerufen: „Du, du allein bist würdig! Anbetung dir und Preis und ewige Ehre!“

Gar Manches in der Schrift will uns als Torheit erscheinen, bis wir vom heiligen Bedürfnis nach der Gemeinschaft Gottes getrieben der Schrift uns nahen. Dann entdecken wir sofort, wo wir vorher nur Anstoß und Wirrwarr gewahrten, die heiligste und tiefste Gottesweisheit.  „Also zuerst doch“, sagt ihr, „ein vertrauensvolles Hingeben an das Wort der Schrift?“ Ja Brüder, so beginnt der Weg des Lichtes und des Heils. Zuerst ein aus der Not des nach Gnade durstenden Herzens geborenes Sich-Hinwerfen auf das ewige Evangelium, weil jeder andere Boden unter unsren Füßen wankte; zuerst ein passives Ergriffenwerden von Jesu Christo: denn eine göttliche Tat macht und begründet den Anfang unseres Gnadenstandes; aber dann ist das Ergreifen an uns, und wir ergreifen Christum, und dringen tiefer und tiefer in die Hallen der ewigen Wahrheit ein, und finden nun, wie darin Alles im höchsten Sinne des Wortes so überaus vernünftig ist. Und während die Welt nun von uns sagt: „die Menschen haben aufgehört zu denken,“ haben wir erst recht zu denken angefangen, nachdenkend, nachdem uns das Vordenken nicht zum Ziele brachte. Und o welch’ eine unübersehbare Welt der tiefsten Gottesgedanken hat eben jetzt erst unserer Reflexion sich aufgetan, zumal wenn wir sie mit dem Gebiet seichter und haltloser Überlegung vergleichen, auf dem wir uns bisher herumgetrieben

Wisset aber, nur in Christo wird man des lebendigen Gottes als des seinigen sich bewusst; außer Ihm, in dem der Ewige uns fasslich und in Gnaden nahetrat, hat man keinen Gott, geschweige denn Vater. Nur in Christo verstehen und erfassen wir Gottes Herz; fern von Ihm, dem großen Mittler, bleibt uns statt Gottes ein toter Gedanke nur, ein leerer Name. Nur in Christo neigt uns der Allmächtige sein Friedenszepter zu; in der Abgeschiedenheit von Ihm, der uns priesterlich vertritt, bleiben wir Knechte, die ihr Leben lang in Furcht des Todes ihre Straße ziehen. Nur in Christo erschließt sich uns die himmlische Welt, über deren Bildern das Verwelken der Erdenkränze zu verschmerzen o, so leicht ist; außer seiner, des Himmelsfürsten, beseligender Gemeinschaft bleiben wir an der Scholle gekettet, und mit dem luftigen Bau unserer zeitlichen Herrlichkeit stürzt unser Himmel ein, um ach! hinfort der Hölle für ihre Ansprüche auf unser Leben Raum zu machen. Weil dem aber also ist, so rufe ich noch einmal, teure Freunde, hinein in eure Mitte so zärtlich, wie die innigste Liebe es nur rufen kann, so bittend, wie einem Botschafter an Christ Stelle es ziemt, so allgemein und freudig, wie es durch den großen Hohenpriester geöffnete Bahn gestattet, so dringend, wie es der sehnliche Wunsch erheischt, der mein ganzes Herz erfüllt, der Wunsch, wir möchten uns heute nicht zum letzten Male so vor dem Herrn vereint gesehen haben, sondern einst in jenem schönen Tempel, wo das ewige Halleluja dem erwürgten Lamm gesungen wird, uns alle, alle wiederum zusammen finden; – so, sag ich, ruf ich noch einmal, und ach, dass der Herr den Ruf mit seinem lebendig machenden Odem begleiten, und mit glücklichstem Erfolge krönen wollte: „Lasset uns hinzugehen mit Freudigkeit zum Gnadenthron, auf dass wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden auf die Zeit, wenn uns wird Hilfe not sein!“ Amen.

Die ganze Predigt:

Predigtext: Hebräer 4:16:
Darum so lasset uns hinzutreten mit Freudigkeit zu dem Gnadenthron, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen, und Gnade finden, auf die Zeit, wenn uns wird Hilfe not sein.

Wer noch nicht weiß, was es mit dem Evangelium auf sich hat, kann es aus diesem apostolischen Wort entnehmen. Wir erfahren hier nämlich in ebenso umfassender als bündiger Weise zuerst, was das Evangelium offenbart, sodann, wozu es aufruft, und endlich, was es verheißt und worauf es vertröstet. Möge der Herr die nähere Erwägung dieser Punkte mit seinem Segen Begleiten.


– I –


Ja, Freunde, es strahlt eine herrliche Sonne an unserm Horizont; es umleuchtet uns in der Nacht, und zwar mit untrüglichem Glanz, das Licht einer himmlischen Offenbarung. Wir haben keinen toten, auf sich zurückgezogenen Gott, der seinen armen Geschöpfen gegenüber von Anbeginn der Welt sich fremd gehalten und geschwiegen hätte. Nein, unser Gott hat seinen Mund zu uns aufgetan, unser Gott hat geredet. Wir sind mit den Fragen des ewigen Lebens nicht auf unseren eigenen, kurzsichtigen Verstand beschränkt. Freilich ist auch unsere Vernunft, selbst in ihrem gegenwärtigen Zustand, nicht völlig inhaltsleer; es sind ihr gewisse ewige Ideen eingeboren, wie die, dass es einen Gott gibt, dass sein heiliger Wille waltet, dem sich der Mensch zu unterwerfen hat und dass der geistliche Mensch den Tod nicht sehen wird. Aber teils sind nach dem Eintritt der Sünde in die menschliche Natur diese Ideen nur noch als dunkle Ahnungen der Seele innewohnend; teils glimmen sie in der Tiefe als ein vielfach getrübtes, höchst unsicheres Dämmerlicht.

Da hat denn der grundbarmherzige Gott den armen Rest der ursprünglichen Gotteserkenntniss, das trüb genug und mit düsterem Wahn vermischt noch in uns übrig blieb, für unhinlänglich, ja für Nichts geachtet, und außer uns eine bessere und vollständigere Illumination uns angezündet, indem er uns durch seine Propheten und Apostel, vor allem aber durch seinen Eingebornen Sohn, mit einem festen, klaren, unzweideutigen Wort beschenkte, das uns nun freilich, wie seinen heiligen Willen und sein Gesetz, so unsere eigene wahre Beschaffenheit und ewige Bestimmung in allseitigster Entschleierung vor die Blicke stellt.

Diejenigen würden aber noch geringe Begriffe von der Herrlichkeit der göttlichen Offenbarung verraten, die da meinen könnten, es habe jenes Wort aus der Höhe nur bezwecken wollen, die in unsrem natürlichen Bewusstsein nur schlummernd vorhandenen Ahnungen zu wecken, zu reinigen, zu entwickeln und zu vervollständigen. Nein! es sollte sein Wort auch Dinge uns offenbaren, und hat sie uns geoffenbart, die in den Ahnungskreisen unserer Vernunft durchaus nicht lagen, sondern denselben weit überschritten. Der Apostel sagt 1. Korinther 2: „Das kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, und in kein Menschenherz gekommen ist, das hat Gott uns geoffenbaret durch seinen Geist.“ Was ist dies aber? Es ist nicht die Existenz eines höheren Wesens, nicht sind’s die Vollkommenheiten, die diesem Unsichtbaren eigen sind, nicht dessen Gesetz, noch die Unsterblichkeit der menschlichen Seele; ja selbst nicht einmal die Zukunft eines großen Gerichts. Dies kam Alles, wenn auch in noch so schwebenden und unvollkommenen Begriffen, in das Menschenherz. Was aber in dasselbe nicht hineinkam, war, wie der Apostel sagt: “Dasjenige, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben“. Einige Verse vorher nennt er es: „die heimliche, verborgene Weisheit Gottes, welche Gott verordnet habe vor der Welt zu unserer Herrlichkeit.“ Er meint den Gnadenratschluss Gottes zur Erlösung der sündigen Menschheit, und freilich, der ist der eigentliche Inhalt, der Mittelpunkt, der Stern und Kern desjenigen Gotteswortes, welches wir das Evangelium nennen.

Das Evangelium öffnet uns des Himmels Pforten, und zeigt uns in der lichten Höhe – was zeigt es uns? Ja, einen lebendigen, persönlichen, heiligen Gott führt es uns vor, und zeigt uns das Ruder der Weltregierung in den Händen dieses Gottes, und Schaaren Engel vor seinem Stuhl, die vor Ehrfurcht starr, ihr Angesicht mit Flügeln decken. Es zeigt uns in Gottes Hause Reihen schimmernder Wohnungen für die Gerechten auf Erden, welche im göttlichen Gerichte als solche erfunden werden dürften, die in Gesinnung und Tat das ganze Gesetz erfüllten.

Dies alles, wir schauen es nun im klarsten Lichte; aber solch Gesicht, sagt an, was hilft es uns? Stillt es unser Herz? kann es uns Beruhigung gewähren? Ja, denen vielleicht, die noch in der furchtbaren Täuschung jenes reichen Jünglings sich befinden, alles, was Gott in seinem Gesetz fordert, von Jugend auf gehalten zu haben. Die Gedankenlosen mag es befriedigen, die Verblendeten, die Oberflächlichen, die Nichteingeweihten in die innerste, geistliche Natur des ewigen göttlichen Gesetzes. Wir, die wir des Gesetzes Heiligkeit durchschauen und uns selbst, schrecken vor jenem Anblick, wie der Prophet einst, mit einem: „Wehe mir! ich vergehe!“ bestürzt antwortete. Wir stehen, wie Mose, vor dem Angesichte des Herrn zitternd, und lassen unsere Augen ängstlich forschend umherwandern, ob das Alles sei, was uns das Wort enthülle, und nicht ein freundlicheres, ein tröstlicheres Bild sich uns erbiete. Und wie wir uns umschauen, und in unserem Innern schon der Schrei verlauten will: „Ihr Berge, fallet über uns!“ da ruft eine Stimme: “Lasset uns hinzutreten zum Gnadenthron;“ ein Schleier fällt, und Oh, des seligüberraschenden Schauspiels, das vor unsere Blicke tritt.

Siehe, ein Gottesstuhl taucht vor uns auf, nicht mehr in eitel Feuerflammen brennend, sondern vom Regenbogenglanz des Friedens überbreitet; mit Blut genetzt zwar seine Veste, aber nicht zum Wahrzeichen mehr eines drohenden Gerichts. An seinen Stufen, statt des alten: „Verflucht ist Jedermann, der nicht bleibt in Allem, das geschrieben steht im Buche des Gesetzes, dass er es tue,“ jetzt die süße Inschrift: „Selig sind, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden!“ Zu seiner Seite, statt des Schwertes und der richterlichen Waage, jetzt der Palmzweig und die weiße Flagge der Versöhnung. Kein Cherub mehr, der den Zugang bewache; freie Gasse jetzt, auch für den Schächer, auch für den Zöllner. Keine Schranke mehr, wie dort am Sinai, mit der Aufschrift: Fern, ihr Profanen! Eine offene Pforte jetzt, und drüber die Ladung: „Kommet her Mühselige und Beladene, und lasst euch erquicken!“ Oh, wie wurde doch aus dem Stuhl des Gerichts, dieser Thron der Gnade? Wie geht es zu, dass der Gott: „vor dem, wer böse ist, nicht bleibt“, jetzt als ein Gott erscheint, bei welchem viel Vergebung ist? Wie, dass dieser Gott nicht mehr, wie es sein Gesetz spricht, ins Buch des Todes, sondern auch ins Buch des Lebens Namen schreibt, wie deinen und wie meinen Namen? Hat er sein Wesen mit einem Male geändert, und aufgehört, in Heiligkeit und Gerechtigkeit der Vollkommene zu sein? Hat er seine Forderungen herabgespannt und gemildert, eine schlaffe menschliche Moral statt seines strengen heiligen Gesetzes adoptiert, und sich bereden lassen, es mit der Sünde so scharf und so genau nicht mehr zu nehmen? – Oh, ich bitte euch, wie wäre das denkbar? Das Evangelium enträtselt uns das Geheimnis des Vorhandenseins eines göttlichen Gnadenthrones. Es gibt uns eine Deutung, bei welcher Gott derselbe bleibt, und von seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit nichts einbüßt.

Es war ein König, erzählt uns das Evangelium, ein König im Paradiese. Einen reicheren gab es nicht auf Erden, einen schöner Geschmückten eben so wenig. Er setzte in schmählichster Weise seine Krone, seinen Purpur und sein Zepter auf das Spiel, ja, gab sie preis, verlor sie. Und da er später sie wieder suchen wollte, und sich suchend zur Erde bückte, fand er die Krone nicht mehr; wo sie hingefallen war, wuchsen ihm statt ihrer stechende Dornen, nicht mehr den Purpur. Stattdessen griff seine Hand ein ewiges Schmachgewand. Das Zepter hat sich in einen Stecken verwandelt, der unablässig ihn verwunden sollte. Er erschrak, der bitterlich verarmte, und hub an zu weinen. Da klang ein Laut daher: „Ich muss für das bezahlen, was ich nicht geraubt habe!“ Und eine andere Stimme rief: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welcher der Welt Sünde trägt!“ Und eine andere: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“ Und wie er durch seinen Tränenschleier aufsah, der gefallene König, da stand vor ihm eine Erscheinung, ein Gottgleicher aus der Höhe, und siehe, die Dornen lagen zu einem Kranze geflochten um seine Stirne, das Spottkleid ruhte um seine Schultern, und seine heiligen Glieder bluteten unter den Schlägen jenes schauerlichen Steckens. Warum aber, o mein Gott! warum das doch? – Darum, damit jener, von seiner Höhe so tief Herabgestürzte, der verlorenen paradiesischen Kleinodien wieder teilhaftig würde. Nicht wahr, ihr kennt diese Geschichte? Es ist diejenige, die in der Schrift das Wort vom Kreuze heißt, und in deren Tiefen auch die Engel gelüsteten hineinzuschauen; sie, in welche die Liebe Gottes ihren ewigen Triumph feiert; die Geschichte von dem zweiten Adam, dem ewigen Bürgen, mit dem Gott die Welt mit sich selbst versöhnte. Der von Gott gesendet an unsere, der Sünder Stelle trat, in dieser Stellvertretung für uns gehorchend und für uns duldend. Dem durch uns geschändeten Gesetze wiederum zu seiner Majestät verhalf, und uns in sich, dem erhabenen Haupte, entsündigt darstellte dem Ewigen, und Annehmens werte und krönungswürdig, um dann, durch Mitteilung seiner Natur und seines Geistes, auch sich wieder wirksam und lebenskräftig darzustellen in uns, der Gemeine.

Ja seht, in dieses Mittlers unausdenkbarem geheimnisvollem Werke hat sich der Allmächtige den Wunderweg geöffnet, in welchem er, unbeschadet seiner Heiligkeit und Wahrheit, und ohne Widerspruch mit der Ordnung seines Hauses, Gesetzesschuldner belohne als Erfüller des Gesetzes; und so schwebt der göttliche Gnadenthron nicht in der Luft; so ruht er nicht in einer Willkür, die Gott entwürdigen würde, oder gar auf einer Einbildung unserer Phantasie, die eine nähere Beleuchtung mit der Fackel der Vernunft zu scheuen hätte, noch wie Mancher denken könnte, auf den Trümmern des Gesetzes; nein, nein, auf einem guten halt- und unwandelbaren Grunde steht der Gnadenthron, ein ewiges Zeugnis, ein glänzendes Denkmal der anbetungswürdigen Weisheit Gottes. Er steht gegründet auf den lebendigen blutbenetzten Felsen – Christus. Gerechtigkeit und Gericht sind auch dieses Stuhles Veste, und nicht eine göttliche Inkonsequenz, nicht ein Wortbruch Gottes. Zion ist, wie die Schrift sagt, durch Recht erlöset worden, und ihre Gefangenen durch Gerechtigkeit.


– II –


O Halleluja, dass der Stuhl unseres Gottes jetzt ein solcher ist: ein Stuhl, zwar auf Recht gebaut, aber von dem die Gnade das sanfte Zepter neigt. „Lasset uns, ruft der Apostel, mit Freudigkeit hinzutreten zu dem Gnadenthron!“ O, ich denke, Brüder, wir ergreifen des Apostels Hand, und rufen wie aus einem Munde: „Ja, ja, wir gehen mit dir!“ O wie viele Tausende haben vor diesem Thron schon ihre Knie gebeugt; wie viele Millionen sind aller ihrer Lasten für Zeit und Ewigkeit hier los und ledig worden. Und nicht Zöllner und arme Schächer drückten hier ihr Antlitz selig weinend in den Staub. Große Dichter legten hier ihre Harfen nieder, und wollten hinfort das Lied des Lammes nur singen. Weltberühmte Philosophen brachten ihre Lehrsysteme hierher, und übergaben sie den Opferflammen, freudig bekennend, dass die einzig wahre und Frieden bringende Philosophie in Christo ruhe. Gepriesene Gelehrte haben hier ihrem Gott gedankt, wieder zu Kindern geworden zu sein, um solcher Seligkeit mit teilhaftig zu werden. Lorbeergeschmückte Helden und Gewaltige der Erde haben hier ihre Kränze, Kronen und Diademe hingeworfen, und huldigend ausgerufen: „Du, du allein bist würdig! Anbetung dir und Preis und ewige Ehre!“

Und ihr wolltet Anstand nehmen, ein Gleiches zu tun? – Ihr fragt, was es heiße: hinzutreten zum Gnadenthron? Es heißt verzichten auf den erlogenen Ruhm, etwas Anderes zu sein vor Gott, als ein armer Sünder; ablassen, auf eine eigene Gerechtigkeit zu trotzen, die man in Wahrheit nicht besitzt; dem Wahn entsagen, als vermöchte man sich selber zu versöhnen; von der lästerlichen Zumutung an Abstand nehmen, dass er das trübe Tugendstückwerk, wie wir es ihm aufzutischen haben, willkürlich und von der Wahrheit fallend für eine wirkliche Erfüllung seines Gesetzes solle gelten lassen; voll heiligen Gnadendurstes dann, der göttlichen Erlösungsanstalt sich gerne unterwerfend, den Allmächtigen angehen mit der flehentlichen und vertrauensvollen Bitte, er wolle uns, nicht als in uns selbst Gerechten, denn nichts weniger seien wir, denn solche, sondern als armen schuldbeladenen Sündern einzig um der Verdienste des großen Bürgen, seines Sohnes, willen, unsere Missetat verzeihen, und das Recht der Kindschaft zuerkennen.

Seht Freunde, das heißt im biblischen Sinne zum Thron der Gnade nahen:
„Aber, mein Gott!“
Was wollt ihr?
„Dann müssen wir ja anerkennen, dass wir uns selbst nicht helfen könnten?“
Nun ja, das müsst ihr freilich. Was wollt ihr weiter?
„So stellen wir uns ja mit Zöllnern und mit Sündern auf eine Stufe der Bedürftigkeit? Sicher, Freunde, das ist unvermeidlich. Was habt ihr mehr noch?
„Wir gesellen uns dann ja zu jenem unselbständigen Volke, das in aller Welt verachtet ist?“
Allerdings.

Es sprach der Herr der Herren einst zu denen, die mithalten wollten:
„Der Schüler ist nicht über den Meister. Haben sie mich verworfen, so werden sie euch ein Gleiches tun.“
Gibt es noch was zu erinnern?
„Ja“, sprecht ihr, „gehen wir in deine Straße ein, so folgen wir ja nicht frei mehr unseren eigenen Gedanken und Prinzipien, sondern unterwerfen uns blindlings einem Worte, das obendrein sich so gar nicht erfassen noch begreifen lässt.“
So ist es! Diese Freiheit, wie jener Eigenruhm, sie müssen unter das Messer; aber dann werdet ihr auch ewig selig, während ihr auf jedem andern Wege, als auf dem zum Gnadenthrone, Kinder des Todes und verloren bleibt.

Doch stille, stille! Ich kenne dieses Jahrhundert der Gedankenverwirrung, und weiß, wie schwer es den Kindern dieser Zeit wird, zum Glauben zu gelangen. Wie ihre ganze Erziehung und Bildung in einer flachen, glaubenslosen Zeit, die Lektüre dieser, jener das Evangelium verneinenden Schriften und Tagesblätter, und so mancher popularphilosophische scheinbar gegründete Einwurf den Glauben ihnen erschweret hat, und die Gesellschaft, mit der sie täglich verkehren, die Schmach, die fast alle Wege auf den Gläubigen ruht, und der so weit verbreitete und so tief gewurzelte Wahn, als sei es ein Zeichen der Unbildung, und zieme sich für honette Leute nicht, von Jesu und seinem Evangelium zu halten, was die Kirche, denselben ihnen noch immerdar und unablässig zu erschweren fortfährt, ich weiß es. Ja umso genauer kann ich’s wissen, da ich selbst ein Kind dieser glaubenslosen Zeit bin, und alle die Hemmnisse, womit sie den Weg zum Evangelium verzäunte, aus eigenem Innewerden habe kennen lernen und überwinden müssen. Darum bin ich o wie weit davon entfernt, die Nichtglaubenden in unsren Tagen alle ohne Weiteres verdammen zu wollen; vielmehr empfinde ich nur tiefes Mitleid mit denselben, und fühle mich sehr, sehr geneigt, statt sie zu richten, zu freundlicher und traulicher Besprechung mich mit ihnen hinzusetzen, ob es durch Gottes Gnade gelingen möchte, ihnen die Steine des Anstoßes aus dem Wege zu räumen, ihnen den Weg zum Gnadenthron zu ebnen. Und wie gerne täte ich solches in diesem Augenblicke auch euch; denn ich muss ja vermuten, dass es an Zweiflern der eben bezeichneten Gattung auch unter euch nicht gänzlich fehlen werde. Die Kürze der Zeit aber will es kaum gestatten; doch sei euch, wenn auch in flüchtiger Andeutung nur, das Eine und Andere zur Erwägung mit auf den Weg gegeben.

Zuallererst bedenkt, ihr lieben Freunde, dass, wenn Gott uns Arme mit einer Offenbarung beschenkte, dieselbe, wie schon erwähnt, notwendig Vieles enthalten musste, was in unserer natürlichen Vernunft nicht liegt, sondern, ohne derselben zu widersprechen, hoch über deren Ideenkreis hinausgeht. Wenn sie uns der Art nichts enthüllte, wozu dann in aller Welt eine Offenbarung, da, was dieselbe uns verkündete, uns ohne sie die eigene Vernunft schon sagte? Beherziget ferner die Wahrheit des bekannten Spruches, nach welchem im Lichte Gottes erst das Licht gesehen wird. Gar Manches in der Schrift will uns als Torheit erscheinen, bis wir vom heiligen Bedürfnis nach der Gemeinschaft Gottes getrieben der Schrift uns nahen. Dann entdecken wir sofort, wo wir vorher nur Anstoß und Wirrwarr gewahrten, die heiligste und tiefste Gottesweisheit.  „Also zuerst doch“, sagt ihr, „ein vertrauensvolles Hingeben an das Wort der Schrift?“ Ja Brüder, so beginnt der Weg des Lichtes und des Heils. Zuerst ein aus der Not des nach Gnade durstenden Herzens geborenes Sich-Hinwerfen auf das ewige Evangelium, weil jeder andere Boden unter unsren Füßen wankte; zuerst ein passives Ergriffenwerden von Jesu Christo: denn eine göttliche Tat macht und begründet den Anfang unseres Gnadenstandes; aber dann ist das Ergreifen an uns, und wir ergreifen Christum, und dringen tiefer und tiefer in die Hallen der ewigen Wahrheit ein, und finden nun, wie darin Alles im höchsten Sinne des Wortes so überaus vernünftig ist. Und während die Welt nun von uns sagt: „die Menschen haben aufgehört zu denken,“ haben wir erst recht zu denken angefangen, nachdenkend, nachdem uns das Vordenken nicht zum Ziele brachte. Und o welch’ eine unübersehbare Welt der tiefsten Gottesgedanken hat eben jetzt erst unserer Reflexion sich aufgetan, zumal wenn wir sie mit dem Gebiet seichter und haltloser Überlegung vergleichen, auf dem wir uns bisher herumgetrieben.

Freilich bleibt uns immer noch manches Geheimnis im Worte übrig, das wir in unserm gegenwärtigen Zustande noch nicht ganz ergründen können; aber das Gebiet des Geheimnisreichen und das des Unvernünftigen ist mitnichten eins und dasselbe, und von der unvergleichlichen Herrlichkeit alles dessen, was schon nach und nach uns aufgeht, schließen wir folgerecht auch auf die Köstlichkeit derjenigen Schätze, die uns in andern Stellen noch versiegelt bleiben. Manches freilich fassen wir hier nie ganz. Nach gewissen Seiten hin bleibt uns z.B. der Zustand des ersten Menschen vor dem Sündenfall ein Rätsel, ein Rätsel die Fallsgeschichte selbst, sowie die Vergliederung des menschlichen Geschlechts mit Adam, seinem Haupte. Aber da erinnern wir uns in vernünftiger Selbstbescheidung, dass wir gegenwärtig nur in der Eigenschaft gefallener Menschen denken können, und darum natürlich außer Stande sind, uns in Zustände vor dem Falle, als in unvordenkliche, hinein zu versetzen.

Und nun erwäget ferner das höchst gewichtige Wort, das 1. Cor. 13,8 der Geist durch den Mund des Apostels ausspricht. Da wird uns gemeldet, die Liebe höre nimmer auf, während nicht allein die Weissagungen und die Zungen, sondern auch die Erkenntnis  aufhören würden. Der Apostel meint die geistliche Erkenntnis, die Erkenntnis der göttlichen Wahrheiten, wie sie unter den Christen lebt; und nicht die tote meint er, nein, die lebendige Erkenntnis; behauptet aber auch von ihr, sie werde abgetan. Auffallend das, nicht wahr? Man sollte meinen, wenn irgendetwas ewig bliebe, dann sie; aber nein! sie wird vergehen. Wehe also dem, der außer ihr nichts anderes besitzt, und wäre er ein Meister in Israel. Schöpfte er die Erkenntnis aus Gottes Wort, so ist sie allerdings nicht trüglich, sondern wahr. Er kann sich fest und steif daraus verlassen. Er sieht seine Füße auf einem Felsen gestellt. Nichts desto weniger steht seiner Erkenntnis eine große Umwandlung bevor: denn wie hoch und tief sie gehe, sie ist “Stückwerk.“ „Was, die der Bibel entnommene Erkenntnis ist Stückwerk?“ Der Geist, der die Bibel eingegeben, sagt’s ausdrücklich. Was wir wissen aus der Schrift vom Wesen Gottes, von dem Heil. Dreifaltigkeit, von dem Falle in Adam und mit ihm, von der Person des Gottessohnes, von dem Geheimnis seiner Menschwerdung, von seinem Versöhnungswerk, von seinem ewigen Priestertum, und von dem Leben jenseits, für welches er die Seinen sich erkaufte, das hat Alles festen Halt und Grund, und wird als ewige Wahrheit sich erweisen, wenn die Lehrgebäude aller Weisen dieser Welt als Nebelbauten der Lüge längst in Nichts zerstoben. Aber fürs Erste wissen wir von jenen großen Sachen nicht gar viel, sondern es ward uns nur davon geoffenbart, was uns zu unsrem Heil zu wissen dringend nottut.

Zum andern wissen wir, was wir davon wissen, nicht so, dass wir philosophisch, durch Vernunftbeweise, Andere zur Anerkennung der Wahrheit desselbigen zwingen könnten, indem nur dem heiligen Bedürfnisse und dem Glauben, nicht aber der bedürfnislosen und hochfahrenden Spekulation die göttliche Offenbarung gegeben ist.

Und endlich, und dies hat der Apostel vorzugsweise bei jenem Wort im Auge, fassen wir, so lange wir hier wallen, die göttlichen Verhältnisse immer nur nach Menschenweise auf, und haben in unsern Lehrartikeln die ewige Wahrheit zwar; aber wir haben sie erst in menschlichen Anschauungen, Vorstellungsformen und Begriffen. Und wir sollten sie darin haben; denn sonst hätten wir Garnichts. Die göttlichen Wahrheiten konnten wir nur fassen, sofern sie unsern menschlichen Horizont nicht überstiegen, und irgendwie an unsre arme, irdische Begriffswelt anknüpften. Mit Absicht hat sich die unendliche Liebe Gottes herabgelassen, in seinem Worte die himmlischen Ideen, soweit es ohne Verletzung der Wahrheit geschehen konnte, in unsre menschlichen Begriffe gleichsam zu übertragen, und menschlich von Gegenständen mit uns zu lallen, von denen wir, hätte er göttlich davon reden wollen, nicht das Geringste würden verstanden haben. So haben wir denn in Allem, was wir unverfälscht und rein der Schrift entnahmen, durchaus Wahres; an der Form aber, in der wir’s haben, an der Art und Weise, wie wir’s uns denken, und denken dürfen, hängt nichts Falsches zwar, nichts Unwahres; die Form ist vielmehr eine beziehungsweise vollkommene, und die unsrem Bedürfnis angemessenste, die erdenkbar war; aber doch hängt viel Menschliches daran, uns so viel Kinderartiges, dass uns unsre gegenwärtige Erkenntnis, an diejenige gehalten, zu der wir einst im Stande der Verklärung gelangen werden, vorkommen wird wie einem erwachsenen Manne die Vorstellungen seiner Kinderjahre, wenn er sie von dem Standpunkte seiner gereiften Einsicht anschaut und beurteilt. Ich sage noch einmal, einen entsprechendeneren, angemessenern und adäquateren Ausdruck hätte für unsere gegenwärtige Fassungskraft der Geist der Offenbarung den ewigen Ideen nicht verleihen können, als wir ihn in unserer Bibel finden; aber immer bleibt der Ausdruck ein veränderlicher, ein beweglicher, nur auf eine gewisse zeitliche Empfänglichkeitsstufe berechneter, und jenseits wird er einem ungleich vollkommeneren weichen müssen. Wozu diese Betrachtung? Euch, in denen die Tätigkeit des Verstandes vorwiegt, zur Beruhigung. Dünkt dieses oder jenes aus dem Gebiete der christlichen Wahrheit euch zu rätselhaft, dünkt es euch zu menschlich, oder zu sehr das Gepräge zeitlicher Verhältnisse an der Stirne tragend, so wisset ihr, dass ihr die Sache zwar dem Wesen nach in unverfälschtem lauterem Begriffe habt, aber doch immer in einem Gewande, das einst dem geeigneteren und durchsichtigeren Raum macht.

Seht, Freunde, so führe ich gerne noch eine Weile fort, euch so mancherlei Verschläge abzutragen, die euch den Weg zum Gnadenthron versperren; aber die Zeit gebietet Eile. Darum nur Eins noch. Sprecht, dünkt euch die Zumutung zu stark, dass ihr anerkennen sollt, wie ihr vor dem göttlichen Gesetz nicht als Unsträfliche, sondern als Sünder und als Übertreter dasteht? In der Tat, ihr müsstet sehr verblendet sein, wenn ihr diese Anerkennung versagen könntet. So zeigt mir nun aber, wie Gott, der Heilige und Gerechte, ohne Willkür und Lüge in einem anderen Wege euch dennoch gerecht erklären und darnach selig machen könnte, als in demjenigen der Gnade auf Grund einer vorhergegangenen Vermittlung? Zeigt, wie er, ohne mit seinen eigenen Vollkommenheiten und mit seinem Wort in Widerspruch zu geraten, euch, die ihr der Strafe verfallen, nicht allein könnte die Strafe erlassen, sondern gar als Unsträfliche die Krone des Lebens zuerkennen, wenn nicht vorab ein Anderer an eurer statt die Bedingungen erfüllte, an welche er selbst unwiderruflich die Seligkeit knüpfte, ja knüpfen musste? Nein, diese Aufgabe löst ihr nicht. Ihr verstummt, Geliebte, und ihr müsst verstummen. Und doch wollt ihr das Evangelium als ein unvernünftiges verwerfen, das so über alle Maßen herrlich die höchsten Fragen des denkenden Geistes löst? Das Evangelium, das einen Weg zur Seligkeit entschleiert, in welchen alle Vollkommenheiten Gottes so gleichmäßig verkläret und verherrlicht werden?

Das Evangelium, welchem die Millionen alle, die ernstlich je nach Gott gedürstet, einmütig das Zeugnis geben müssen, dass es allein im Stande sei, die tiefsten Bedürfnisse des zu sich selbst gekommenen Herzens gründlich und dauernd zu befriedigen? Das Evangelium, das mit offenem Visier an die Schulen aller Weisen aller Jahrhunderte klopft, und jede Wissenschaft und jede Menschenlehre freudig in die Schranke ruft, und zu ihnen spricht: „Ich will euch weichen und euch den Schauplatz räumen, wenn ihr von den tausend Wundern, mit denen ich seit achtzehnhundert Jahren die Welt erfüllte, auch nur ein einziges, wie ich, ins Leben zu rufen im Stande seid;“ und was irgend Erdenweisheit, was menschliche Wissenschaft heißt, das muss verstummen vor solcher Herausforderung und sich zurückziehen. Und dieses Evangelium wolltet ihr nichts desto weniger, statt es mit Halleluja zu begrüßen, es geringschätzig zur Seite weisen? In der Tat, wenn irgendetwas vernünftigen Leuten übel anstehen würde, und für ein unzweideutiges Zeichen von Gedankenlosigkeit, Unbildung und Flachheit gelten müsste, so würde es solch Verfahren sein. Aber nein, nicht wahr, so werdet ihr nicht verfahren? Nicht wahr, eure Zweifel beginnen vielmehr zu wanken, und der Aufruf des Apostels Raum bei euch zu finden: “Lasset uns hinzutreten mit Freudigkeit“, buchstäblich mit „Redefreiheit“, das ist, innerlich ungehemmt, frei, mit vollem zweifellosen Glauben und Vertrauen, und festen sichern Tritts, “zum Gnadenthron!“


– III –


Aber wozu? Hört den Apostel. “Auf, dass wir Barmherzigkeit empfangen,“ spricht er, “und Gnade finden auf die Zeit, wenn uns Hilfe not sein wird.“ Diese Zeit dringendster Hilfsbedürftigkeit wird, wie heiter uns auch heute der Tag noch scheine, uns Allen kommen. Einst sinkt unser Gestirn, es neigt sich unser Tag, und der Abend fällt daher. Der Apostel setzt es als unausbleiblich voraus, und frühe genug wird sein Wort in unserer gemeinsamen Erfahrung seine Besiegelung finden. Ich weiß es nicht, was eure Zukunft für euch im Schoße birgt; liegt sie vor euren eigenen Blicken in tiefer Verhüllung, wie vielmehr vor den meinen. Nichts desto weniger schimmert, so dünkt mich, durch ihren Schleier so manches durch: für die Einen Dies, für Andere Jenes, und gar Vieles und Vielerlei für allesamt und sonders.

Was kann dort kommen? Ganze Reihen von Schmerzenslagen und Krankenbetten, tränennass und von weinenden Angesichtern umringt. In welchen Hütten werden sie, ehe wir es uns versehen, in das Gebiet der Wirklichkeit hinübertreten?

Trümmerhaufen vereitelter Hoffnungen, missglückter Pläne, gescheiterter Unternehmungen stellen mir sich dar. Welchen unter uns mag es aufbehalten sein, heute oder morgen über ihnen wehklagend die Hände zu ringen?
O, was weiter? Hier einen Spaten, verhängnisvoll und riesig, der Verhältnisse des Wohlstandes unter die Erde gräbt und Reiche arm macht; – wo wird er ansetzen?
Dort einen Bogen, gespannt um statt der Pfeile Nahrungssorgen zu schießen und häusliche Nöte; wohin mag er zielen?
Eine Sense da, die Wünsche weggemäht, wie Gras, und Erwartungen zu Heu macht; – auf wessen Felde wird sie klingen?
Und dort ein blitzendes, zweischneidiges Schwert, das Bande der Liebe trennt, Ehen zerschneidet, Freundschaften löst; – wo wird es hauen?
Und Särge schimmern durch den Schleier durch, und Särglein, schwarz, und von vielen, vielen Tränen feucht, von Vatertränen und von Muttertränen, von Tränen armer Witwen und verlassener Waislein, und drauf geschrieben auf den düsteren Schreinen steht hier: „Mein Ein und Alles ruht in diesen Brettern!“ und da: „O hätt’ ich mit dir sterben können, mein halbes Leben!“ und dort: „Nun ist mir die ganze Welt ein ödes Grab!“ und ach! die Klagen sprengen die unbarmherzigen Särge nicht, und der Ruf der Verzweiflung ist kein Auferweckungsruf, kein Ruf des Lebens!

Ach, wann werden diese Szenen unter uns ins Leben treten? O viel eher, liebe Brüder, als es Manche denken. Und verzöge auch das eine oder andere; seid versichert, die Zeit, da uns wird Hilfe not sein, bleibt nicht aus. Es schlägt uns allen einmal die Stunde, da es uns nicht so schwer mehr werden wird, jenem prophetischen Worte Glauben zu schenken, dass „Alles Fleisch sei wie Heu, und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume;“ denn siehe! in unserm eigenen Garten ist das Gras verdorrt, die Blume abgefallen. Farblos, entblättert und bedeckt mit der Asche, ach! Ein Totenglockenklang, schwebt eintönig noch hindurch: das Salomonische „Alles ist eitel!“ dumpf und traurig wiederhallend. Und zuletzt – o was zuletzt? Da fällt ein Beil, da zuckt ein Messer nieder, und euer Haupt ist beider Ziel. Ihr kennt noch eure wahre Lage nicht, Geliebte. Ihr seid zum Tode verurteilt, ihr seid es alle. Der Stab ist über euch gebrochen. Vielleicht schon morgen vollzieht sich der schauerliche Spruch. Dann müsst ihr von hinnen; ob gern ihr geht, ob ungern, ihr müsst, und euer Sträuben ist vergeblich: denn eure Stunde schlug, die Ladung vor den Richterstuhl ward erlassen, und die Bücher eures Lebens liegen aufgeschlagen. Ihr zieht ab, um aus dem Munde der allerheiligsten Majestät, als der höchsten und letzten Instanz, die Entscheidung über euer ewiges Los zu vernehmen; und bei diesem Schlusssatz erhält es sein Ende.

Nicht wahr? ihr ahnt jetzt, was dem Apostel bei der Zeit, „da uns Hilfe not sein werde“ vor Augen schwebt. Was aber hat’s, wie düster sie sich ansehen, mit allen jenen Erlebnissen und Ständen auf sich, wenn man darunter des lebendigen Gottes als eines Vaters sich getrösten, aus den Stürmen der Welt mit einem „Abba!“ an seine Brust sich werfen, an seinem Herzen sich ausweinen, und traulich sein Haupt in seinem Schoß zur Ruhe legen kann, und von dem Fittich seiner Liebe sich überbreitet, in seine Hände sich gezeichnet, und in die Zahl seiner Hausgenossen und Kinder sich aufgenommen weiß. O wie viel tausend Mal sah man, die solch’ Bewusstsein in die Not des Lebens begleitete, auf den Dornen ihrer Schmerzenslagen liegen, als lägen sie auf seidenen Pfühlen; und sah sie, beim Sinken des letzten Sterns ihres zeitlichen Hoffens, selbst erst aufleuchten wie Sterne in der Nacht, nur Frieden Gottes strahlend und Himmelsfreude, und hoch über den Trümmern alles dessen, was ihr irdisches Glück einst hieß, die Flügel des Glaubens schlagen, als wären sie erst jetzt recht frei, recht selig worden; und hörte sie, vom Tode schon erfasst, siegreich frohlocken: „Ich weiß, an wen ich glaube, und bin gewiss, dass er mir meine Beilagen bewahren wird bis an jenen Tag.“ Woher sie dazu die Rüstung nahmen und die Kraft? Sie hatten, bevor die Wetter über sie hereingebrochen, „Barmherzigkeit erlangt und Gnade gefunden.“ Da habt ihr des Rätsels Lösung. O so streckt auch ihr mit der ganzen Inbrunst eines zerschlagenen Herzens nach diesen Gütern euch aus; denn ohne sie von der Zeit überfallen zu werden, da Hilfe nottut, ist entsetzlich und ein großer Jammer.

Wisset aber, nur in Christo wird man des lebendigen Gottes als des seinigen sich bewusst; außer Ihm, in dem der Ewige uns fasslich und in Gnaden nahetrat, hat man keinen Gott, geschweige denn Vater. Nur in Christo verstehen und erfassen wir Gottes Herz; fern von Ihm, dem großen Mittler, bleibt uns statt Gottes ein toter Gedanke nur, ein leerer Name. Nur in Christo neigt uns der Allmächtige sein Friedenszepter zu; in der Abgeschiedenheit von Ihm, der uns priesterlich vertritt, bleiben wir Knechte, die ihr Leben lang in Furcht des Todes ihre Straße ziehen. Nur in Christo erschließt sich uns die himmlische Welt, über deren Bildern das Verwelken der Erdenkränze zu verschmerzen o, so leicht ist; außer seiner, des Himmelsfürsten, beseligender Gemeinschaft bleiben wir an der Scholle gekettet, und mit dem luftigen Bau unserer zeitlichen Herrlichkeit stürzt unser Himmel ein, um ach! hinfort der Hölle für ihre Ansprüche auf unser Leben Raum zu machen. Weil dem aber also ist, so rufe ich noch einmal, teure Freunde, hinein in eure Mitte so zärtlich, wie die innigste Liebe es nur rufen kann, so bittend, wie einem Botschafter an Christ Stelle es ziemt, so allgemein und freudig, wie es durch den großen Hohenpriester geöffnete Bahn gestattet, so dringend, wie es der sehnliche Wunsch erheischt, der mein ganzes Herz erfüllt, der Wunsch, wir möchten uns heute nicht zum letzten Male so vor dem Herrn vereint gesehen haben, sondern einst in jenem schönen Tempel, wo das ewige Halleluja dem erwürgten Lamm gesungen wird, uns alle, alle wiederum zusammen finden; – so, sag ich, ruf ich noch einmal, und ach, dass der Herr den Ruf mit seinem lebendig machenden Odem begleiten, und mit glücklichstem Erfolge krönen wollte: „Lasset uns hinzugehen mit Freudigkeit zum Gnadenthron, auf dass wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden auf die Zeit, wenn uns wird Hilfe not sein!“ Amen.

Quelle: glaubensstimme.de
Bearbeitung: TheologiaDE.blog

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