F. W. Krummacher: Die Wurzel Isai

„Es gebet Sein Lob.“ singt der Sänger des 148sten Psalms, „soweit Himmel und Erde reichen!“ – Die Welt ist ein Denkmal der Schöpferkraft, der Vatergüte und der Ordnerweisheit des allmächtigen Gottes. – Ja, sie preist mit dem Vater zugleich den Sohn. Neben den Zügen der „hochwürdigen Herrlichkeit“ des Ersteren entdeckt das erleuchtete Auge auf jenem lebendigen Monument das Bild des „Schönsten der Menschenkinder.“ Die ganze Natur ist eine Bilderkammer zur Verherrlichung Christi. Schaut die heilige Liebe in sie hinein, so scheint ihr Alles nur dazu geschaffen, um von ihrem Bräutigam, dem „Herrn vom Himmel,“ und Seiner Lieblichkeit zu zeugen. Die Sonne am Gezelt, der Stern am Abendhimmel, der Quell, der dem Fels entrauscht, der grünende Baum des Feldes, der fruchtbeladene Weinstock, ja Alles, Alles singt ihr Sein Lob und spiegelt ihr bald diese, bald jene Seite Seines holdseligen Wesens oder des zarten Verhältnisses wieder, in welchem Er zu Seinem Erlösten steht. – Und es sind nicht luftige Phantasien und eitle Träume, denen hier die Liebe nachhängt. Die Schrift bestätigt ihre Anschauung als eine wahre. – Sie selbst, so oft sie uns den Fürsten des Lebens vor Augen zeichnen will, beutet den Bildersaal der Schöpfung aus und entlehnt aus ihrem Reiche die Farben und Züge zu ihrem entzückenden Gemälde. Bald rührt sie diese, bald jene Taste in der Klaviatur der geschaffenen Dinge an, und in den sinnigsten und herzerquicklichsten Akkorden tönt die Natur den Preis Immanuels und Seiner Gnaden.

Jesaja 11, 10.
Und es wird geschehen an jenem Tag, da werden die Heidenvölker fragen nach dem Wurzelspross Isais, der als Banner für die Völker dasteht; und seine Ruhestätte wird Herrlichkeit sein.

Unser heutiger Text ist so reichhaltig, dass wir uns mit flüchtigen Andeutungen begnügen müssen, wenn wir in einer Stunde seine verborgenen Schätze auch nur einigermaßen zu Tage fördern wollen. Von wem in dem Ausspruche die Rede ist, ergibt sich auf den ersten Blick von selbst. Jesus Christus ist der Kern und Stern, wie unsers ganzen Textkapitels, so des einzelnen Sprüchleins, das wir daraus hervorgehoben haben, und in welchem er gleichsam wie ein Edelstein vor unseren Augen hin und her gewendet wird, damit er alle seine Lichter uns leuchten lasse. Und wer mag sagen, welches dieser Lichter das schönste sei, und welches am tröstlichsten und holdseligsten strahle.

Um in der köstlichen Weissagung nichts zu übersehen, schließen wir uns mit unseren Erwägungen streng an die Worte des heiligen Propheten an und richten unsere Blicke

  1. auf die Zeit, in welche er hineinschaut;
  2. auf die Wurzel, die er preist;
  3. auf das Panier, das er wehen sieht;
  4. auf die Fragenden bei dem Panier;
  5. auf die Ruhe des verheißenen Messias.


-1-


„Zu derselbigen Zeit,“ beginnt der Prophet. Er wirft einen Blick der Hoffnung und des Sehens. Vorwärts ziehen Herz und Auge über die Gegenwart hinaus, fort, fort ins Weite. Wir, des Neuen Bundes Kinder, herbergen mit unserm Glauben mehr zwischen Vergangenheit und Zukunft in der Mitte. Die Alten waren Zugvögel durch und durch. Hinter ihnen lag ja nur das verschlossene Paradies; aber noch nicht das Kreuz, noch nicht die vollbrachte Versöhnung im Blute des Lammes. Diese ruhte für sie noch im Schoße ferner Tage. Was Wunder, wenn sie ununterbrochen die Flügel hoben und ihr Leben ein Leben auf der Warte war. Sie waren Wandersleute im Geiste, mit allen Gedanken, Hoffnungen und Begierden zu dem hinausgestreckt, was vorne war. „Sie grüßten die Verheißungen von ferne,“ sagt der Apostel; sie küssten sie in sehnsuchtsvollem Hoffen. So umgraute sie freilich Nacht und tiefes Dunkel; aber ihr Glaube schwang wie ein junger Adler mit den göttlichen Offenbarungen über die Wolken und Nebel der Gegenwart sich weit hinaus und erging sich selig in dem goldenen Dämmerlicht einer schöneren Zukunft. O Schauspiel ohne Gleichen und zum Gutzücken, das hier sich ihrem Geistesauge darbot! Siehe, ein Aufgang aus der Höhe mit Heil und Genesung unter seinen Flügeln; ein Löwe aus Juda, der dem Drachen den Kopf zertrat und ihn erwürgte; ein Stern aus Jakob, von dem sich über die Nächte der Erde o, welch ein Glanz ergoss; ein Held und Helfer, der eine gefallene Schöpfung aus dem Tode und Verderben riss; ein Mensch, der Gott, ein Gott, der Mensch war; ein Lamm, das der Welt Sünde trug; ein Überwinder, der Tod, Teufel, Welt und Hölle entwaffnet zum Schemel seiner Füße legte! O erwünschte Bilder, hochherrliche Gestalten am Horizont der Tage, die da kommen sollten! An ihnen haftete das Auge der alten Heiligen. Dorthin, dorthin ging all‘ ihr Seufzen und Begehren. Da war das goldene Gestade, wo die Seelen Anker warfen, wenn das Meer der Gegenwart in hohen Wogen ging; dort standen die grünen Ölbäume, auf welche die gejagten Tauben sich niederließen, wenn wilde Finten über den Erdkreis brausten; dort fand die Schwalbe ihr Nest, der Vogel sein Haus, wenn’s draußen stürmte und Alles wanken wollte. Und je dunkler die Zeit war, je wilder das Gestürm um und um, desto mächtiger regten sich die Flügel nach vorne hin, desto brünstiger klangen durch die Nacht die Nachtigallenlieder der Propheten von der goldenen Zukunft, und desto lauter rief man sich einander zu, wie von den Kuppeln heiliger Leucht-, Wart- und Wächtertürme: „Kinder, es beginnt zu tagen in der Ferne! Ein Morgen ohne Wolken! Hosianna dem, der da kommt im Namen des Herrn!“

So lebten sie. Doch wie viel lieblicher sind wir gestellt, als jene Alten. Unser Rückblick ins Vergangene gelangt nicht bis an das verschlossene Paradies; weiter hierher ragt der Blut Berg und das Kreuz, und hier bleibt das Auge haften. Wir ruhen schon jetzt am Herzen des Sünderfreundes und – einst? – O Jerusalem, wenn ich Dein vergesse, so werde meiner Rechten vergessen immer und ewiglich! – Ach, dass wir nur Geistesflügel hätten, wie die Alten, uns hinüberzuschwingen mit unsrer Hoffnung in das, was unsrer harrt und darin unverrückt zu ruhen. Wie würden wir mit Frieden unsre Straße ziehen und die kleinen Mühen dieses Lebens leicht überwinden.

„Zu der Zeit,“ spricht der Prophet, „wird es geschehen.“ Also eine Geschichte verkündet er. Kein Mächrlein, eine Tatsache; kein Lehrsystem, eine Historie; keine bessere Moral, ein Faktum; kein Gebäude von Vorschriften, Grundsätzen und Maximen; nein, eine Geschichte, eine Geschichte. Mit Lehren war uns nicht zu helfen; es musste sich etwas ereignen, eine Begebenheit musste ins Leben treten. Heut zu Tage will man das Christentum zu allgemeinen Ideen verflüchtigen und den historischen Grund desselben als etwas Unwesentliches angesehen wissen. Man sagt, es sei genug, dass es uns lehre, Gott wolle dem reuigen Sünder gnädig sein, und auf das Faktum der Kreuzigung Christi sei kein zu großer Wert zu legen; es sei genug, dass es in dem Glauben uns bestärke, es gebe jenseits des Grabes ein anderes Leben, ob Jesus aber von den Toten auferstanden sei oder nicht, sei eine Frage aus dem Gebiete müßiger Spekulationen. Aber was beginnen diese Widerchristen? Schneiden sie nicht, indem sie uns an der heiligen Historie rütteln, unserm Glauben die Wurzel ab? Sind sie nicht darüber aus, die untersten Fundamente unsrer ganzen Hoffnung zu zerstören? Der geschichtliche Vorgang des Kommens, Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu ist die Hauptsache im Christentum und dessen eigentlicher Kern, ja sein Wesen. Die Geschichte tut es, ja die Geschichte. So meinten es auch die heiligen Propheten. Es wird geschehen, sprachen sie, geschehen wird es.


-2-


Was denn geschehen? Jesajas spricht: „Es wird eine Wurzel kommen.“ Die Wurzel ist der Heiland. Das Bild ist tief, bedeutsam und beziehungsreich. Es bezeichnet die ewige Macht und Gottheit des Verheißenen, vermöge deren er der Schöpfer aller Dinge ist und sie mit seinem kräftigen Worte trägt. Es bezeichnet seine Menschwerdung, seine Zukunft in das Fleisch. Wie die Wurzel unter sich und in den Grund, so wollte Er sich versenken in die Erde unsrer menschlichen Natur. Es bezeichnet seine tiefe Selbsterniedrigung. Wie die Wurzel in der Erde dunkeln Schoß, so gedachte der helle Morgenstern in unsre Knechtsgestalt sich zu verhüllen. Es bezeichnet seine Liebe und Erbarmung. Wie die Wurzel mit hundert Armen die Scholle und den Felsen, so wollte Er umklammern mit Seiner Gnade die gefallene Welt und unsre felsenharten Herzen. Es bezeichnet sein Verhältnis zur Gemeinde. Wie die Wurzel mit der Erde aufs innigste sich verbindet, so vermählt sich Jesus mit den Seinen: Er Fleisch von ihrem Fleisch, sie Geist von seinem Geiste.

Doch nicht allgemein und schlechthin eine Wurzel, sondern die „Wurzel Isai“, heißt der Heiland in unserem Text. Da tauchen denn wieder neue Züge auf. Isai ist Davids Vater und vertritt hier das ganze Davidische Haus. Sonst wird der Herr auch wohl ein Zweiglein genannt aus David und ein Reis ans Jesse’s abgehauenem Stamm. Hier: Jesse’s Wurzel. So nennt ihn auch der Älteste aus dem Himmel herab, Offenb. 5: „Es hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda, die Wurzel Davids;“ und Offenb. 22 nennt er sich selber so: „Ich bin die Wurzel des Geschlechtes Davids, ein heller Morgenstern.“ Wenn er ein Reislein heißt, so zielt dies auf seine menschliche Geburt und Herkunft. Der Name „Wurzel“ will mehr bedeuten. Freilich klingt’s wundersam und widersprechend, dass Einer zugleich Jemandes Zweig und Wurzel sei. Aber was ist nicht wundersam an dem Herrn vom Himmel? Welche Widersprüche und Gegensätze gleichen sich in Ihm nicht an? Er ist ja „zur Sünde gemacht“ vor Gott, und zugleich die Heiligkeit selber; ein Geschöpf, und nichtsdestoweniger der Schöpfer. So kann er auch zugleich ein Zweig sein und die Wurzel, und Er ist es. Um Christi willen stand das Haus Davids, um Seinetwillen ward es erhalten. Weil Er in den Lenden dieses Geschlechts beschlossen ruhte, behielten Davids Sprösslinge den Thron in Juda und ihre Linie grünte durch ein ganzes Jahrtausend fort. Um Seinetwillen wurde dieses Haus mit Strömen des Heils und Segens überschüttet. War Er so nicht des Hauses Grund und Träger? Ja, Abraham selbst ward um seines Sohnes willen und in dem Sohn gesegnet, und der Herr sagt Matth. 22 von sich selbst: „Wenn David den Messias einen Herrn nennt, wie ist er denn sein Sohn?“ Der Messias, will er sagen, ist Davids Wurzel.

Und er ist’s im geistlichen Sinne bis diese Stunde: die Wurzel des Hauses Davids, der wahren Kirche. Ist Zion, wie der Prophet es nennt, „ein grüner Zweig, dessen sich das ganze Land erfreut,“ so ist Jesus der heilige Urgrund, in dem das Zweiglein blühet. Ist Jesu Reich ein hoher weitverzweigter Baum, in dessen Ästen die Vögel unter dem Himmel Ruhe finden, so ist dieser Baum Ihm eingepfropft, nachdem dem Baume die eigene Wurzel abgehauen worden. Das wir leben nach dem Geist, geschieht durch den Zustrom seiner Kraft; das wir im Glauben erhalten werden, wir verdanken es der täglichen Nahrung, die aus ihm uns zufließt.

Das wir Gottes Werke wirken und Früchte bringen, die ihm wohlgefallen, ist Seiner Befruchtung zuzuschreiben, und nimmermehr unserm eignen Wollen und Vermögen. Unsre Wurzel ist Er, sofern wir aus Seinem Leben unser geistliches Bestehen haben, in Seinem Gehorsam vor Gott gerechtfertigt sind, in Seinem Blute getrost das Haupt erheben und vermittelst Seiner Fürbitte mit unserm Glauben allen Stürmen trotzen. Er ist die Wurzel unserer Hoffnung, denn in Ihm blühet diese Himmelsblume; die Wurzel unsrer Liebe, denn aus Ihm blitzt dieser Funke Gottes. Ja, in welchem Sinne darf Er nicht die Wurzel Seiner Gemeinde heißen! Und wie gut ist es, dass nicht der Stamm die Wurzel zu tragen hat, sondern dass die Wurzel den Stamm trägt samt allen seinen Ästen; wie gut, dass nicht die Zweige für ihr Grünen zu sorgen haben, sondern dass die Wurzel die Ernährerin ist und die Zweige ruhen dürfen; wie gut, dass diese Wurzel, die uns hält, in keinem Boden steht, den eine Verheerung, sei es des Feuers, sei es des Wassers, treffen könnte, sondern dass sie in dem unvergänglichen Grunde der Ewigkeit haftet: da sind wir sicher. O, möchte nur alles eigene Wurzelwerk der Selbstgerechtigkeit und des Eigenwirkens bis auf die letzte Faser in uns verrotten und wir ganz außer uns und lediglich in Jesu zur Ruhe kommen! Was für ein Grünen und Blühen gäbe es dann, und welche Früchte triebe unser Leben.


-3-


Nachdem der Prophet den Messias unter der heiligen Figur einer wunderbaren Wurzel angeschaut, tritt plötzlich ein anderes Gesicht vor seine Augen, und der Heiland erscheint ihm unter dem Bilde einer aufgerichteten Standarte [kleine Fahne unter der man Kämpft]. „Die Wurzel Isais,“ spricht er, „steht zum Panier [Banner] den Völkern.“ Christus ein Panier. Er heißt öfter so. „Der Herr ist“ d. i. „der Herr ist mein Panier“ sprach Moses. Was das Bild bedeutet, ist bekannt und oft entwickelt. Nur dies und das davon! Das Panier, das Jesajas am Horizont der Zukunft schaut, ist ohne Zweifel das von Golgatha, die blutige Zionsfahne, das Gegenbild der erhöhten Schlange. Ja, Christus am Kreuz, die Fahne unseres Reichs, das Panier, zu dem wir schwören, die Standarte, unter der wir kämpfen, das Zeichen, in dem wir siegen! Vor Alters, wenn Not ein Land bedrohte, pflanzte man Fahnen auf die Bergesgipfel. So stand die Kreuzesfahne auf der Schädelstätte, zum Zeichen, dass die Welt in Gefahr gewesen, vom Feuereifer dessen, der auf dem Stuhle sitzt, verzehrt zu werden. „Gott hat Christum,“ schreibt der Apostel Römer 3, 26 „dargestellt zum Gnadenstuhl durch den Glauben an sein Blut, zum Beweise seiner Gerechtigkeit.“ Wenn ein Krieg losbrach vor Alters und der Feind heranzog, wehten sofort die Fahnen auf den Höhen und verkündeten dem Volk, was sich begebe. So verkündete das Kreuz den Ausbruch eines Krieges furchtbar ohne Gleichen. Der Zorn und die Rache der ewigen Gerechtigkeit waren aus dem Himmel aufgebrochen, um die schuldbeladene Kreatur zu schlagen in ihrem Bürgen, in ihrem Stellvertreter. Wenn ein Sieg erfochten war, eine Befestigung erstürmt, wieder waren es Standarten auf den Mauern und Turmspitzen, die es signalisieren mussten. So signalisiert das Holz des Marterhügels mit seinem großen Toten der Siege größten, der je erfochten ward: den Sturz des alten Drachen und seiner Rotten, den Untergang der Sünde, und die Entwaffnung des Todes, des finstern Schreckenkönigs.

Ja unser Panier steht auf Golgathas Gipfel. Hier ist der allgemeine Sammelplatz der Zioniten im Himmel und auf Erden. Hier finden täglich und stündlich die auserwählten Seelen sich zusammen, die sonst durch Länder, Meere und Gebirge geschieden sind. Hier reichen sie sich liebend ihre Hände und vereinigen sich zu einem Werk: die Tröpflein Bluts im Geiste aufzufangen, die aus den Wunden strömen, durch welche wir genesen. Hier findet der Missionar die Wunderfahne, die er durch die Heidensteppe trägt, und sein Erscheinen ist ein Siegen; hier holt er die Standarte, mit der er ohne Schwertschlag den wilden Sohn der Wüste ins Joch Immanuels zwingt; und was wir zu Wege bringen unter euch, sei es, dass wir heiligen Krieg entzünden oder Sieg erfechten, Schlafende wecken oder Tote beleben, Trotzige fällen oder Verzagte ermutigen, Höhen erniedrigen oder Täler erfüllen: es geschieht Alles vermittelst und unterm Wehen der Kreuzesfahne.

Der Prophet sieht das Panier stehen. „Die Wurzel Isais,“ ruft er, „steht zum Panier den Völkern.“ Das ist bemerkenswert, das ist bedeutsam. Welche Stürme sind über das Panier schon hingezogen, – es stehet. Wie haben die Völker dagegen getobt bis diesen Tag, – es stehet. Welche Waffen sind dagegen geschwungen worden, es umzuhauen, – es stehet. Und stehen wird es in der Welt und aufgeworfen werden, das Kreuzpanier, bis der letzte der ungezählten Menge, die der Vater seinem Sohn gegeben, sich vor Ihm beugte. Stehen wird es und über den Völkern flattern, bis die Fülle der Heiden mit aufgehobener Hand zu ihm geschworen hat. Stehen wird es in unverhüllter Herrlichkeit, bis es alleine steht auf Erden und alle anderen Fahnen sanken und die tiefverwundete, todkranke Welt im Anschauen dieser ehernen Schlange zu einer ewigen Geistesjugend genesen ist. Es steht: O, Heil uns, dass es steht! Fallen wir, es steht, dass wir an ihm uns wiederaufrichten; liegen wir am Staube, es steht, und wir, wir siegen dennoch! Drückt uns neue Schuld, es weicht drum nicht zurück, sondern steht und winkt uns zu sich, dass wir in seinem Schatten uns neu entladen. „Ob Jemand sündigt,“ sagt Johannes, „so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesu Christum, der gerecht ist“. Sinkt alle unsre Herrlichkeit und Kraft dahin; das Zeichen steht auch dann uns noch zu Trost und Freude. Ja, stürze und zerbreche, was immer wolle: die Kreuzesfahne steht, und bei ihr ist ewige Geborgenheit und tiefer Friede.


-4-


Hört den Propheten weiter. „Nach der Wurzel Isai,“ spricht er, „werden die Heiden Fragen;“ buchstäblich: „sie werden sich bei Rat einholen.“ Hier preist der Prophet den Messias als der Ratlosen Ratgeber, als den rechten Hohenpriester, der allein das Urim und Tummim, das Täflein der Lichter, der Offenbarungen und Unterweisungen auf dem Herzen trage. Er stellt ihn dar als das einzig wahre und untrügliche Orakel, als das lebendige Gegenbild der Bundeslade, von welcher aus zwischen den Cherubim her die Antworten Jehovas erschallen. Ja, den seinen ist Er das. Sie haben mit Endor nichts mehr zu tun; sie suchen nicht mehr den Gott zu Chron, als wäre in Israel kein Gott. Sie lassen sich nicht mehr berücken, mit der tollen Welt zum Dreifuß der blinden Vernunft zu schleichen, noch sich berauben, „durch die Philosophie und lose Verführung, nach der Menschen Überlieferungen und der Welt Anhängen, und nicht nach Christo.“ Sie halten sich allein an den, der da sprach: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben,“ und tuen wohl daran. Er lässt um alles sich befragen und bleibt auf keine Frage die Antwort schuldig. Und „der Held in Israel lügt nicht!“ „Himmel und Erde werden vergehen, aber Seine Worte werden nicht vergehen!“ Was Er sagt, steht wie die ewigen Berge und Häuser und Städte, magst du darauf bauen, sie ruhen sicher. Und wunderbar ist es: Er erteilt nicht Rat bloß, wie Menschen ihn erteilen: „So und so musst du es machen,“ und nun ist’s an uns, es auszurichten. Nein, Er selber ist der Rat. Kommt jemand zu ihm und spricht: „Ach Herr, wie werde ich los von meinen Sünden? Wie komme ich durchs Gericht? Von wannen nehme ich Gerechtigkeit? Wie schmücke ich mich zum Hochzeitstage? Wie überwinde ich die Feinde, die mich umringen? Sag‘ an, Herr, wie?“ so setzt Er sich nicht etwa auf den Lehrstuhl und beginnt mit Predigt und Unterweisung; sondern er gibt sich selbst dem Sünder, und so ist Rat geschafft für alles, und alle Verlegenheit zu Ende, ohne Mühe.

Und o, wie Er auch in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes zu beraten weiß! Wenn du auf einem Scheidewege stehst und weißt nicht rechts noch links, oder dies und das unternehmen möchtest und kannst das „wie“ nicht finden; oder in irgend sonst eine Verlegenheit hinein gerietest, in der sich kein Ausweg zeigt; o, dann sei nur ein Kind, und gehe hin zu Ihm und trage nicht Bedenken, auch in die kleinsten Angelegenheiten Ihn einzuweihen; so wirst du erst recht inne werden, welch‘ einen leutseligen Herrn du au Ihm hast: einen Herrn, der den Seinen Vater und Mutter ist, und mehr, und der sich herablässt, sich selbst über die Angelegenheiten der Werkstatt, des Brotschreins und des Speichers mit dir zu unterhalten, wie ein Mann mit seinem Freunde. Kluge Gedanken gibt er dir ins Herz, und Ratschläge, die nimmer fehlen. Auch verdrießtes ihn nicht, wenn du aufs neue fragst und zu ihm sprichst: „Ein wenig deutlicher noch, mein Gott und Herr.“ „Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren,“ und Seinem Wink gefolgt zu sein, hat Niemanden noch gereut, ob’s auch mitunter durch Kreuzigung des Fleisches und des Bluts hindurchging. Es ist Ihm, wie er selbst von sich bezeugt, „eine gelehrte Zunge gegeben, dass er wisse, mit den Müden zu reden zur rechten Zeit.“ Ja, eine gelehrte und eine treue Zunge; denn nie noch fand sich der Seinen einer hintergangen.


-5-


Jetzt das Schlusswort unseres Textes. Was sagt der heilige Seher? „Und seine Ruhe,“ spricht Er, „wird Ehre sein.“ Diese Worte tragen einen Doppelsinn im Schoße, Zuerst ist hier die Ruhe gemeint, nicht, die der Heiland gibt, sondern die Er genießt; dann die Ruhe, die seinen Kindern in seiner Gemeinschaft bereitet ist. Verstehe nun diese oder jene, immer spricht der Prophet ein wahres Wort, wenn er sagt: „Seine Ruhe wird Ehre sein.“ Ihr wisst, dass der Herr sehr häufig in der Schrift diejenigen Stätten, wo Er sich in Gnaden als die Quelle des Lichtes und der Seligkeit tatsächlich offenbarte und erwies, „Seine Ruhe“ nennt. „Hier“ rief er im Blick auf Zion, „ist meine Ruhe ewiglich; hier will ich wohnen.“ Die Stiftshütte und der Tempel werden uns als die Ruhestätte Gottes dargestellt, und die Psalmisten singen Ihm zu: „Mache dich auf, du und die Lade deiner Macht zu deiner Ruhe!“ Und wo in der Welt das Wort von Seinem Kreuze mit Erfolg verkündigt wird, wo auserwählte Seelen gläubig in Seinem Lichte wandeln, wo man Seine Erscheinung liebhat und Ihm gerne die Tür des Herzens öffnet, da ist Seine Ruhe, da weilt Er mit Seiner Liebe, mit Seinem Wohlgefallen; da breitet Er den Fittich der Erbarmung aus und ruhet wie die Henne über ihren Küken. „Und Seine Ruhe ist Ehre.“ Freilich nicht nach der Welt Begriffen. Da gilt als Schmach, Ihn in sich ruhen haben. Die Hütten und Herzen, in die er aufgenommen ist, Kedarhütten dünken sie der Welt, schwarz und verächtlich. Aber das ist ja auch das Gericht über die Kinder Belials, dass sie mit sehenden Augen nicht sehen, mit hörenden Ohren nicht hören sollen. O, wohl ist die Ruhe Christi Ehre. Keine Herrlichkeit auf Erden mag der Herrlichkeit der kleinen Herde, dieser Hütte Gottes bei den Menschenkindern, verglichen werden. Ein Volk, das den Himmel über sich in freudige Bewegung setzt, dem die Engel Gottes dienen müssen, es auf den Händen tragend, das der Allmächtige seinen fürstlichen Hut und seine Krone nennt; ein Volk, um dessentwillen einzig noch die Welt erhalten bleibt; auf dem die Augen Gottes mit Lust und Wonne ruhen; das keinen Seufzer tun kann, der nicht durch die Wolken dränge; das mit seinen geringsten Sachen vor dem Thron der ewigen Majestät erscheinen darf und ohne Unterlass Gehör und freundlichen Willkomm findet; ja, ein Volk, für welches der Sohn Gottes gutsagt, und für das Er sich in eigner Person verbürgt; ein Volk, das die Ehre hat, im Busen Gottes getragen, bewahrt und gepflegt und mit der zärtlichsten Aufmerksamkeit von Gottes Hand geführt zu werden; – o sagt doch, ob das nicht ein ausgezeichnet, ein unvergleichlich herrlich Volk sei? „Ja,“ rufen wir mit Mose, „wo ist solch‘ herrlich Volk, zu dem sich Götter also nahe tun, als der Herr unser Gott zu uns, so oft wir ihn anrufen?“ Und diese Herrlichkeit ist, wenn auch noch verschleiert, bei jeder Seele, bei jedem Gemeintem, darinnen Jesus mit Seiner Liebe, mit Seinem Geist, mit Seinem Leben ruht. Sollte nicht Jesaja sagen dürfen: „Seine Ruhe wird Ehre sein?“ Und es kommt eine Zeit, auch hier auf Erden noch, da die verborgene Ehre Israels eine offenbare werden wird. Wenn der Berg Zion wird festgestellt sein auf die Gipfel der Berge und Jerusalem in einem ganz besonderen Sinne der Thron Jehovas heißen wird; wenn die Könige von Saba mit Geschenken gen Zion kommen und die Feinde mit Scham vor dem sich werden bücken müssen, in den sie gestochen haben; wenn das Zepter aller Herrschaft nicht mehr von Gomorrha und Babel, sondern von Zion ausgehen wird: dann werden Mond und Sonne sich schämen müssen vor dem Glanze unsres Reichs und seines Königs, und alle Welt mit Augen sehen, dass „Seine Ruhe Herrlichkeit und Ehre sei.“

Dasselbe gilt aber auch von der Ruhe, die Jesus darreicht. Auch sie, deren wir an seiner Brust, in seinen Armen teilhaftig werden, ist Ehre. Das will freilich die Natur nicht wissen, die die Ehre an die Arbeit knüpft, und auch manche Christen gibt es, welche die Herrlichkeit im Wege selbsteigenen Fleißtuns und Bemühens erraffen wollen. Wer zum Ruhen nicht geneigt ist, der erarbeite sich denn nur in der Menge seiner Wege, bis er dahinterkommt, dass die Arbeit zunächst nur zu Scham und Armut führt. Das Ergreifen der Verdienste Christi, und die Ruhe und Herzensstillung in Seinem Blute ist eitel Herrlichkeit. Eine stolze Ruh ward uns verheißen. Nicht allein, dass man da in Kleider des Heils gehüllt und mit dem Rocke der Gerechtigkeit gekleidet wird; auch die Lebensgerechtigkeit grünt in dieser Staude auf, wie das Gestäude an den Wasserbächen. Nicht allein, dass da Gott angenehm gemacht wird in dem Geliebten; man wird auch bereitet, ohne Mühe zu Gottes Ehre als Lichter zu leuchten vor den Menschen. Da wird das Auge heiter, die Lippe freundlich und holdselig, das Herz gebeugt und milde, und die Füße „laufen den Weg Deiner Gebote,“ spricht der Prophet, „wo Du mich tröstest,“ Da lernt man stille sein unter dem Kreuz, getrost im Sturm, sieghaft im Kampf, ja mit seinem Gott über die Mauern springen. Keiner also denke geringe von der Ruhe in Christo Jesu. Sie ist nichts Totes, sondern ein wahres Leben; kein Träge sein, sondern die seligste Wirksamkeit. Ein unablässiges Fruchttragen ist sie; ja, lauter Ehre ist die Ruhe in Jesu, lauter Herrlichkeit. Sie schmückt den Menschen, sie heiligt sein Leben, sie tötet die Natur und verklärt den Sünder in das Bild des Allerschönsten.

Da habt ihr denn einige von den Schätzen, die in unserm Textesspruch verborgen liegen, und um derer willen das Adventsgeschrei ein Jubel ist und sein darf. Und kein Schaugericht ist’s, was hier vor eure Blicke trat, kein Gegenstand nur der Augenweide. Der Heiland ist ein Baum des Lebens für die Seinen, und die ganze Frucht an Seinen Zweigen ist ihre Weihnachtsbeute. Hier heißt es: Es lange zu, wen da gelüstet, und wer hungrig ist, der esse! Wen da dürstet nach solchem Most, der werde trunken, und wer da arm ist, bereichere sich mit diesen Schätzen. Doch auch das Zulangen muss Er geben, der den Tisch bereitet hat, und Er, der selbst das Mahl ist, muss auch den Mund uns schaffen zum Genuss, und sogar den Hunger. Darum, heraus aus Deinem Himmel, du Held, und wird auch uns zu Deiner Kreuzesfahne. Komm, Wunderrat, und mache uns ratlos, damit wir von Dir beraten werden. Komm, unsichtbarer Arzt, und schneide all‘ unser eigenes Wurzelwerk hinweg, und pflanze, erhabener Gärtner, uns in Dich selbst hinein, ja, in Dich selbst, Du Wurzel Isais und alles Heils, auf dass wir in Dir grünen und Frucht des ewigen Lebens treiben, Dir zum Preise.

Ja komm, mein Heiland Jesus Christ!
Mein’s Herzens Tür Dir offen ist.
Ach, zeuch mit Deiner Gnaden ein,
Dein‘ Freundlichkeit auch uns erschein‘.
Dein heiler Geist uns führ‘ und leit‘
Den Weg zur ew’gen Seligkeit.
Dem Namen Dein, o Herr,
Sei ewig Preis und Ehr‘! – Amen.

Quelle: glaubensstimme.de
Bearbeitung: TheologiaDE.blog

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