Michael Horton: Reformierte Theologie Vs. Hyper-Calvinismus

Ehe der durchschnittliche Gläubige lernt, was reformierte Theologie (z.B. Calvinismus) eigentlich ist, lernt er normalerweise zuerst, was es nicht ist. Es ist oft so, dass Kritiker die reformierte Theologie nicht nach ihren Lehren definiert, sondern nachdem, was sie denken, wäre die logische Schlussfolgerung. Noch tragischer ist aber, dass einige Hyper-Calvinisten dem gleichen Kurs folgten. So oder so, der „Calvinismus“ wird am Ende von einer Extreme dargestellt, die er selbst nicht als Biblisch anerkennt. Die Vorwürfe gegen die reformierte Theologie, wofür der Hyper-Calvinismus schuldig ist, empfingen eine deutliche Antwort von der internationalen Dordrechter Synode (1618-1619) und dem Westminster Bekenntnis.

Ist Gott der Autor der Sünde?

Der Gott Israels ist der Fels; vollkommen ist sein Tun; ja, alle seine Wege sind gerecht. Ein Gott der Treue und ohne Falsch, gerecht und aufrichtig ist er“ (5. Mose 32.4-5, Schlachter 2000). In der Tat, Jakobus hatte reale Menschen im Sinn als er verwarnte, „Niemand sage, wenn er versucht wird: Ich werde von Gott versucht. Denn Gott ist unangefochten vom Bösen; er selbst versucht aber auch niemand. (Jakobus 1:13, Schlachter 1951). Sünde und Bosheit haben ihren Ursprung nicht in Gott oder der Schöpfung, jedoch im eigenhändigen Willen und Handeln von Geschöpfen.

Die Schrift liefert uns hierzu ein paar Leitplanken: Auf der einen Seite wirkt Gott „alles nach dem Ratschluss seines Willens“ (Eph. 1:11); auf der anderen, übt Gott nicht – vielmehr, kann nicht – böses ausüben. Wir sehen diese zwei Leitplanken des Öfteren flüchtig in einigen Abschnitten, am deutlichsten aber in 1. Mose 45 und Apostelgeschichte 2. Beim Ersteren erkennt Josef, dass obwohl der Vorsatz seiner Brüder, ihn als Sklave zu verkaufen, böse war, Gott es gut gemeint hat, damit viele Menschen während der Hungersnot gerettet werden (Verse 4-8). In dem gleichen Atemzug lesen wir in Apg. 2:23, dass „gesetzlose Menschen“ für die Kreuzigung verantwortlich sind, und doch wurde Jesus „nach Gottes festgesetztem Rat und Vorherwissen dahingegeben …“. Die Herausforderung hier liegt darin, das zu bejahen was die Schrift lehrt und nicht weiter zu spekulieren. Wir wissen zwar von der Schrift das beides wahr ist, jedoch nicht wie das sein kann. Die vielleicht prägnanteste Aussage zu diesem Argument ist im Westminster Bekenntnis zu finden (Kapitel 3:1): „Gott hat von aller Ewigkeit her nach dem vollkommen weisen und heiligen Ratschluss seines eigenen Willens uneingeschränkt frei und unveränderlich alles angeordnet, was auch immer geschieht;“ – dort ist die erste Leitplanke – doch so, dass Gott dadurch weder Urheber der Sünde ist noch dem Willen der Geschöpfe Gewalt angetan, noch die Freiheit oder Möglichkeit der Zweitursachen aufgehoben, sondern vielmehr in Kraft gesetzt werden.“1 und hiermit die zweite Leitplanke. Der gleiche Punkt wird auch im niederländischen Glaubensbekenntnis gemacht (Artikel 13) und fügt hinzu, „über alles aber, was er tut, dass die menschliche Fassungskraft übersteigt, wollen wir nicht neugierig und über unsere Fassungskraft nachforschen.“2

 

Ist das Evangelium für Jedermann?

Ist es nicht Werbebetrug auf der einen Seite zu sagen, Gott hat schon entschlossen, wen er retten wird und auf der anderen Seite darauf zu bestehen, die Frohe Botschaft aufrichtig und ohne Vorbehalt allen Menschen zu verkünden?

Aber, starb Christus nicht für die Auserwählten? Die Lehrregeln von Dordrecht greifen einen Satz auf, den man des Öfteren in Büchern aus dem Mittelalter fand („Ausreichend für die Welt, wirksam nur für die Auserwählten“), dort wird über den Tod Christi ausgesagt: „Dieser Tod des Sohnes Gottes ist das einzige und vollkommenste Opfer und Genugtuung für die Sünden, unendlich an Kraft und Wert, überflüssig genügend, die Sünden der ganzen Welt zu sühnen“3 (zweite Lehrregel, Artikel 3). Somit strecken wir unsere Arme für die Welt aus, „die Verheißung des Evangeliums … an alle Menschen … ohne Vorbehalt …“.  Auch wenn viele es nicht ergreifen werden, geschieht das „nicht, weil dem am Kreuz dargebrachten Opfer Christi etwas fehlt oder weil es nicht ausreicht, sondern durch ihre eigene Schuld“ (Zweite Lehrregel Artikel 5-6).

Hier stehen wir nochmals vor einem Geheimnis – und zwei Leitplanken, die uns vor dem Abhang der Spekulation schützen. Gott liebt die Welt und ruft jeden in der Welt äußerlich zu Christus durch das Evangelium, und doch liebt Gott seine Auserwählten mit einem errettenden Zweck, sie durch das gleiche Evangelium innerlich durch Seinen Geist zu rufen (Joh. 6:63-64; 10:3-5,11, 14-18, 25-30; Apg. 13:48; Röm. 8:28-30; 2 Tim. 1:9). Beide, Arminianer und Hyper-Calvinisten, ignorieren ausschlaggebende Abschnitte in der Schrift, sie lösen das Geheimnis, zugunsten einer Seite, mit dem Entweder-oder auf: entweder Auserwählung oder freies Angebot des Evangeliums.

 

Gnade für Jedermann?

Liebt Gott Jedermann, oder ist seine Güte einfach nur ein Deckmantel seiner Gerechtigkeit – mästet die Frevler für den Schlachthof, wie einige Hyper-Calvinisten behaupteten?

Die Bibel ist voll von Beispielen, die die fürsorgliche Güte Gottes zeigen, besonders aber in den Psalmen: Der Herr ist gegen alle gütig, und seine Barmherzigkeit erstreckt sich über alle seine Werke … du tust deine Hand auf und sättigst alles, was da lebt, mit Wohlgefallen. (Ps. 145:9,16). Jesus fordert aus diesem Grund, mahnend seine Jünger auf, für ihre Feinde zu beten: „Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen“ (Matt. 5:44). Christen sollten diese göttliche Haltung imitieren.

Die Lehre über die wir gerade sprechen wird „herkömmliche Gnade“ genannt und unterscheidet sich von der „rettenden Gnade“. Einige widersprechen diesem Ausdruck (manche sogar dem ganzen Konzept), sie bestehen darauf und sagen, dass nichts an der Gnade herkömmlich ist: es gibt nur eine Art von Gnade, das ist die souveräne, erwählende Gnade. Wir müssen jedoch dazu sagen, dass jede gütige Handlung von Gott, an irgendeinem Menschen, aus welchem Grund auch immer, nur als gnädig bezeichnet werden kann. Noch einmal stehen wir vor zwei Leitplanken die wir nicht übertreten sollten: Es ist Gottes gnädiges Handeln, die Auserwählten zu erretten und zusätzlich die Nicht-Auserwählten zu erhalten und zu veranlassen, dass sie in diesem irdischen Leben gedeihen. Während die Erwählung mit zum lieblichsten Trost für Gläubige zählt, stellt sie trotz allem nicht das ganze Bild von Gottes Handeln mit dieser Welt dar.

Wenn wir als Christen die herkömmliche Gnade bejahen, dann nehmen wir diese Welt, mit all ihrer Sündhaftigkeit, genau wie mit ihrer Schönheit, ernst, denn sie ist von Gott geschaffen und wird durch Gott erhalten. Wir sehen Christus als Mittler der rettenden Gnade, für die Auserwählten und Gottes allgemeine Segen für eine Welt, die unter einem Fluch steht. Demnach können Ungläubige sogar das Leben eines Gläubigen bereichern. Johannes Calvin plädiert gegen einen Fanatismus, der verbieten würde, dass jeglicher säkulare Einfluss verboten ist, denn wenn wir die Wahrheit, Güte und Schönheit die unter Ungläubigen gefunden werden kann, verachten, dann häufen wir dem Heiligen Geist gegenüber Missachtung an, denn Er teilt die Gaben Seiner herkömmlichen Gnade aus (Institutio der Christlichen Religion, 2.2.15).

 

Ist der Calvinismus ein Freifahrtschein zu sündigen?

Das erste was wir hierzu sagen sollten, zusammen mit Martyn Lloyd-Jones, ist, wenn wir nie beschuldigt werden, antinomianistisch zu predigen (Gnade als Freifahrtschein), dann haben wir wahrscheinlich noch nie richtig das Evangelium verkündigt. Letzten Endes ist es doch Paulus, der diese Frage vorweg stellt, „Sollen wir in der Sünde verharren, damit das Maß der Gnade voll werde?“ Daher zielt die Frage aus Römer 3:8 genau auf diesen Punkt: „Wo aber das Maß der Sünde voll geworden ist, da ist die Gnade überfließend geworden“ (5:20). Zur gleichen Zeit sind manche reformierte Christen, besonders die die aus gesetzlichen Verhältnissen befreit wurden, der Ansicht, das Argument von Paulus in Römer 5:20 so zu Ende zu führen, „Gott vergibt gerne, Ich sündige gerne – die perfekte Beziehung!“

Der Unterschied dazwischen, wegen Antinomianismus (Buchstäblich: Anti-Gesetz-ismus) angeklagt zu werden und tatsächlich schuldig zu sein, liegt an unserer Bereitschaft, Paulus bis ins 6. Kapitel zu folgen. Hier Antwortet der Apostel auf den Vorwurf – mit der Verkündung von Gottes Werk! Auf den ersten Blick scheint es fast schon so, als würde Paulus Antinomianisten bevorzugen, zumal ihr ganzer Nachdruck auf das, was Gott tat, gerichtet ist und sie die Bedeutung von Imperativen ablehnen oder zumindest herunterspielen. Tatsächlich aber verkündigt Paulus, dass nicht nur unsere Gerechtigkeit in Christus, sondern unsere Taufe in Christus von Gott vollbracht wurde. Sein Argument verläuft im Grunde so: mit Christus verbunden zu sein, bringt notwendigerweise die Rechtfertigung und Erneuerung mit sich, die wiederrum die Heiligung in Gang setzen. Er sagt nicht, dass Christen nicht in Sünde leben sollen oder dürfen, als wäre es der Grundsatz ihres Daseins, sondern, dass sie es nicht können – es ist unmöglich. Dass sie weiterhin sündigen werden, ist offenbar, besonders in Kapitel 7, doch nun kämpfen sie dagegen an.

Die Väter in Dordrecht kannten die Anklage, die reformierte Theologie „leitet die Menschen von aller Frömmigkeit und Gottesfurcht ab; sie ist ein Opiat, verabreicht von dem Fleisch und dem Teufel“, sie führt unvermeidlich zum „Libertinismus“ und „macht die Menschen fleischlich sicher, da sie davon überzeugt sind, dass nichts ihrer Erwählung im Weg steht, somit können sie leben, wie es ihnen gefällt“ (Dordrechter Lehrregel, Schluss). Und doch würden sie weder den Trost der Rechtfertigung, der durch den Zuspruch von Christi Gerechtigkeit kommt, noch die Heiligung, die uns durch die Wiederauferstehung von Christus zuteilwird, ablehnen. Perfektionierte Heiligung ist in diesem Leben unmöglich, doch genauso unmöglich ist der Zustand den wir heutzutage unter „fleischlicher Christ“ kennen. Man ist entweder tot in Adam oder lebendig in Christus. Nochmals versuchen manche dieses Geheimnis zu lüften: wir sind entweder frei von allen, uns je bekannten Sünden, wie John Wesley lehrte, oder, verharren in einem Zustand des spirituellen Todes, wie es von Antinomianisten gelehrt wird. Wie sehr es unseren Verstand auch befriedigen mag, eine so banale Auflösung, in welche Richtung auch immer, ignoriert eindeutige Lehren in der Schrift und stielt einen großen Teil unserer Freude die mit der Fülle der Errettung kommt.

Die zwei Leitplanken kommen an dieser Stelle aus dem Nebel der Gesetzlichkeit und des Antinomianismus: Rechtfertigung und Heiligung sollte weder vermischt noch getrennt werden.

Zusätzlich zu den anderen Anklagen, wird die reformierte Theologie oft als „Rationalistisch“ bezeichnet – ein System das auf Logik gegründet ist und nicht der Bibel. Ich hoffe jedoch, dass wir anfangen zu erkennen, wer die wahren Rationalisten in dieser Debatte sind, nämlich die Extremisten auf beiden Seiten. Die Weisheit der reformierten Bekenntnisse ist, dass sie sich weigern über Dinge zu spekulieren die nicht in der Schrift sind; sie bestehen darauf den ganzen Ratschluss Gottes zu verkündigen und dabei den Schwerpunkt nicht einfach auf eine Seite zu legen. Die Frage ist nicht, wohin führt uns die Logik, sondern, wohin führt uns die Schrift. Es mag bestimmt einfacher sein, ein Geheimnis mit einem Entweder-oder zu lösen. Doch dieser Kurs ist auf keinen Fall sicherer. So lasst uns danach trachten die ganze Schrift im Zusammenhang zu lesen und dabei scharf nach den Leitplanken Ausschau zu halten!

From Ligonier Ministries and R.C. Sproul © 2016. Used by permission.
Übersetzung: TheologiaDE.blog

1: http://www.glaubensstimme.de/doku.php?id=bekenntnisse:westminster
2:  http://www.serk-heidelberg.de/unser-glaube/unser-glaubensbekenntnis/#Artikel_13_Von_der_Vorsehung_Gottes
3: http://www.serk-heidelberg.de/unser-glaube/lehrregel/#Zweites_Lehrstueck_Vom_Tode_Christi_und_der_Erloesung_der_Menschen_durch_denselben

 

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2 Kommentare zu „Michael Horton: Reformierte Theologie Vs. Hyper-Calvinismus

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